Springe zum Inhalt

Für den heutigen Beitrag habe ich mir Unterstützung geholt. Darf ich vorstellen: Stefan.
Stefan sieht was, was ich nicht sehe. Wie viel kann ich gar nicht genau sagen, denn so wirklich gut sieht er auch nicht. Aber er hat noch einen Sehrest und mir gegenüber damit einen klaren Vorteil. Wirklich?
Ich nehme die wenig überraschende Antwort mal wieder vorweg: Klar, ein Sehrest schadet nicht. Die Vorteile liegen auf der Hand. Ein klarer Vorteil muss es aber nicht unbedingt immer sein … behaupte ich.

Es werde Licht, bitte!

Gerade erst haben wir die Uhren umgestellt -eine Stunde zurück. Für mich bedeutet das eine Stunde länger schlafen. Für Stefan heißt es aber auch, dass die Tage wieder kürzer werden und er den Arbeitsweg in der Dämmerung oder ganz im Dunkeln zurücklegen muss. Für ihn bedeutet dies "eine weitere Herausforderung in der Mobilität und Orientierung".

So beklagt Stefan beispielsweise die schlechte Beleuchtung der Fußgängerwege auf seinem Arbeitsweg. Wohingegen ich nicht sagen kann, ob es auf meinem Arbeitsweg überhaupt Straßenlaternen gibt… und wenn es welche gibt, dann finde ich sie eher hinderlich, denn wenn ich sie mitbekomme,  heißt dies,dass ich dagegengelaufen bin.
Aber im Ernst, dunkel kann ich mich auch noch an die Jahre erinnern, in denen mich meine Nachtblindheitin der Mobilität beeinträchtigt hat. Heute macht es für mich praktisch kaum einen Unterschied, ob ich am Tag oder in der Nacht unterwegs bin. Außer vielleicht, dass nachts alles etwas ruhiger ist -zumindest in Halle, einer Stadt, die auch mal schläft.
Stefan hingegen bewältigt seine alltäglichen Wege bisher meist ohne Hilfsmittel. Bei Dunkelheit oder in der Dämmerung ist es inzwischen aber alles andere als traumhaft. Dann geht es plötzlich ohne den weißen Langstock nicht mehr. Sich dies selbst einzugestehen ist aber nicht so einfach; und auch das Gehen mit dem Stock will geübt sein. Doch die Einsicht ist bei Stefan inzwischen da und er übt fleißig mit einem Orientierungs- und Mobilitätstrainer; zum einen zu seiner eigenen Sicherheit, aber auch in der Hoffnung mehr Rücksichtnahme bei anderen Verkehrsteilnehmern zu erreichen … und damit sind wir auch bei einem zweiten, aus unserer Sicht, großen Unterschied: die Kommunikation mit anderen Menschen über den zum Teil noch vorhandenen oder eben auch nicht vorhandenen Sehrest.

Eine blinde Frau ein Satz, ein sehbehinderter Mann …

Stefan erzählte mir, dass er nur noch Teile des unteren Gesichtsfeldes nutzen kann und man sagte ihm, dass auch dies nicht mehr deutlich wäre.
Auch daran kann ich mich noch gut erinnern. Als ich noch einen Sehrest hatte, spielte ich mit meiner Mutter im Auto häufig Straßenschilder erkennen. Sie sagte wann sie das Schild sah und ich kam dann irgendwann hinterher wie die alte Fastnacht … und trotzdem forderte ich sie immer wieder heraus … ich wollte gerne wissen was ich nicht sehe, denn für mich war das was ich sah ja normal. Wenn es aber für mich normal ist, wie erkläre ich einem anderen Menschen, was ich sehe und vor allem was nicht?

Angenommen Stefan kann nun aber gut erklären was er sieht und was nicht, dann gibt es immer noch einen Unterschied, ob er sich in bekannter Umgebung befindet, die Lichtverhältnisse gut sind und er einen guten Tag erwischt hat … oder eben auch nicht. Von all diesen Faktoren und von noch viel mehr hängt es also ab, in welches Fettnäpfchen er tritt oder über welches Hindernis er fällt, ob er den Kollegen grüßt oder eben auch mal nicht … und das lässt sich unmöglich eben mal so kurz und unmissverständlich erklären wie: Ich sehe nix, Null Komma Nüscht!

Auch der Mund-Nasen-Schutz, also die Alltagsmaske, erklärte mir Stefan, erschwert ihm das Sehen. Sie verdeckt zum Teil den Ausschnitt des unteren Gesichtsfeldes, also genau des Fensters, durch das er noch gucken kann.
Als er mir dies so erklärte, leuchtete es mir sofort ein. Doch davon hatte ich auch zum ersten Mal gehört … und so wird einem jeder Sehbeeinträchtigte von anderen Schwierigkeiten berichten können. Kennste also Einen, kennste noch lange nicht alle!

Bist du neugierig geworden? Beim Online-Spiel "Zug in Sicht" kannst du erleben, wie sich unterschiedliche Seheinschränkungen auswirken:
https://www.woche-des-sehens.de/spiel

Gummistiefel und ein nasser Hund, ganz klar, es ist Herbst ... Doch nicht nur draußen vor der Tür, auch mein Lieschen hat den Herbst des Lebens erreicht und genau darum geht es heute: Lieschen, meinen alternden Führhund und was so ein Altweibersommer auch alles Neues mit sich bringt.

Während der heißen Sommertage musste ich endgültig akzeptieren, dass mein vierbeiniger Wirbelwind inzwischen deutlich gealtert ist.
So lange ist es noch gar nicht her, da war das Leben mit Lieschen neu und aufregend. Wenngleich es mit ihr immer aufregend geblieben ist, so spielte sich doch recht bald alles ein und jetzt beherrscht seit ein paar Monaten das Thema alternder Hund meine Gedanken. Viele Fragen gingen und gehen mir durch den Kopf: Wie lange kann sie als Führhund arbeiten; merke ich auch wirklich, wenn es ihr zu viel wird, und was dann?
Wie genau ich all die Detailfragen für mich beantwortet habe, darauf werde ich in einem späteren Beitrag eingehen. Heute soll es um die alles entscheidende Frage gehen und die damit verbundenen jüngsten Ereignisse.

Der Herbst meines Hundes und dann?

Eines stand für mich schon immer fest, auch wenn Lieschen nicht mehr als Führhund arbeiten kann, ich gebe sie nicht weg … jedenfalls nicht, so lange ich ihren Bedürfnissen gerecht werden kann. Noch ist es nicht so weit, dass ich sie aus dem Dienst nehme, doch dass sie alt wird, ist inzwischen keine graue Theorie mehr. Also, aller höchste Zeit die Wege für unsere gemeinsame Zukunft zu ebnen. Eine altersgerechte, stufenlos erreichbare Wohnung muss her.

Nicht, dass der Tierarzt auf meine Frage hinsichtlich einer Erdgeschosswohnung zur Eile geraten hätte, doch irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er im Fall der Fälle mein Lieschen vermutlich nicht die Treppen rauf und runter tragen würde; und auch ich werde sie nicht tragen können. Hinzu kommt, dass ich ja auch noch so ein paar Wünsche an unser neues Heim hatte. Also, warum warten bis sich der Herbst dem Ende neigt.

Unser Umzug in die Altersresidenz

Die Wohnung war schnell gefunden - Internetrecherche, ein Besichtigungstermin und Volltreffer, alles passt! Etwa neun Wochen später sitze ich nun also auf dem alten Sofa, in der neuen Wohnung und schreibe diesen Blogbeitrag.
Klingt entspannt? War es auch … irgendwie; irgendwie aber auch nicht. Dabei denke ich weniger an das Packen der Kartons und den Umzug selbst. Dies war nicht mehr oder weniger stressig als für jeden anderen auch - behaupte ich. Zwar hörte ich häufig, dass es für mich bestimmt anstrengender sein muss, doch dabei wird immer vergessen, dass nichts sehen für mich normal ist. Ich greife täglich blind in meine Schränke, verbreite Chaos und beseitige es wieder. Außerdem kenne ich meine Wohnung und dann waren da auch noch die netten Männer vom Umzugsunternehmen, die alles sicher in die neue Wohnung transportierten.

Während ich also im Alltag, mit meinem Hab und Gut, ganz gut zurechtkomme, war dies bei der Wohnungssuche und der Einrichtung der Wohnung mit neuen Möbeln plötzlich ganz anders. Ständig war ich auf Hilfe angewiesen. Nicht bei der Internetrecherche. Als aufmerksamer Leser dieses Blogs kennst du ja schon den Screenreader und wie ich mit dem Computer arbeite - Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Arbeit und Inklusion!. Du weißt aber auch, dass meine Technik bei Bildern an Grenzen stößt - Bilder sprechen lassen!.

Sobald ich also eine Wohnung gefunden hatte, die laut Beschreibung meinen Wünschen gerecht wurde, benötigte ich jemanden, der mir die dazugehörigen Bilder beschrieb; auch bei der Wohnungsbesichtigung. Doch dabei genügt es nicht, dass jemand einfach nur gucken kann. Worauf achtet er oder sie? Das hat weniger etwas mit Vertrauen zu tun als vielmehr damit, dass es einfach unterschiedliche Ansprüche gibt und alles kann man im Vorfeld einfach nicht absprechen.
Und ist die Wohnung gefunden, fängt es ja auch erst an. Selbst wenn man  keine neuen Möbel möchte, so gibt es doch viele Dinge, die neu angeschafft werden müssen: Vorhänge, eventuell ein neues Regal, eine Garderobe … und nein, auch wenn man nichts sieht, genügt es nicht einfach nur eine Garderobe zu haben oder irgendwelche Vorhänge. Mir genügt es nicht! Aber auch das weißt du ja schon. Ich habe meine Vorstellungen, Wünsche, Erinnerungen an Farben - Blind Date mit den Tierchen, die nachts die Kleider enger nähen – Lösung: Shoppen!.

Bei aller Vorfreude auf die neue Wohnung musste ich also feststellen, dass ich doch nicht so Selbstständig bin und so selbstbestimmt agieren kann, wie ich immer dachte. Das war ein dicker Kloß, den ich zu schlucken hatte. Für faule Kompromisse war ich aber auch nicht bereit und so kam mir nach ein paar Tagen die Idee: Ich suche mir eine Innenarchitektin ... gedacht, getan.
Auch wenn ich immer noch viel lieber selbst in Zeitschriften oder im Internet, in Einrichtungshäusern und auf Flohmärkten gestöbert hätte, es war eine gute Entscheidung. Bereits beim Erstgespräch fühlte ich mich mit meinen Wünschen voll und ganz verstanden, und jetzt sitze ich also in meiner Wohlfühlwohnung auf der Couch, an der Wand gegenüber hängen Bilder mit Urlaubserinnerungen und ich freue mich auf einen schönen, langen Winter mit meinem Lieschen.

Mit "neue Wirklichkeit" wird das Leben im Shutdown angesichts der Corona-Pandemie häufig umschrieben und ich frage mich immer wieder, was daran neu ist. Klar, auch mir ist nicht entgangen, dass Restaurants, Kneipen, Geschäfte, Fitnessstudios, Schulen, Kindergärten und vieles mehr schließen mussten und noch immer ihren Betrieb nicht wieder vollständig aufnehmen konnten; Mund-Nasen-Schutz, Abstand und keine großen Feiern oder Veranstaltungen. Ja, all dies ist mir bekannt und halte ich ein, dennoch bleibt für mich die Frage was daran so wirklich neu ist. Ich glaube für viele Menschen mit Beeinträchtigungen ist dies so neu nicht wirklich. Ich behaupte, dass dies für viele Menschen unter uns schon lange Lebenswirklichkeit ist und hoffe, dass diese Pandemie vielleicht auch eine Chance sein könnte, das Thema Inklusion neu zu kommunizieren.
Ups, Pandemie, Inklusion … vermutlich haben einige den Beitrag jetzt schon weggeklickt. Weder ein Virus noch Inklusion sind für viele Menschen sexy Themen oder versprechen einen locker flockigen Beitrag. Dennoch hoffe ich, dass du neugierig genug bist um weiter zu lesen.

Wie in all meinen anderen Beiträgen geht es mir nicht um einen Fingerzeig auf andere. Ich berichte aus meinem Leben, über meine Gedanken. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch viele Menschen gibt, die die Wochen des Shutdowns ganz anders erleben und damit weniger gut zurechtkommen. Psychische Beeinträchtigungen, familiäre Probleme oder existenzielle Sorgen … Gründe gibt es genug.
Kommen wir nun aber zu meiner Wirklichkeit und dazu, was es aus meiner Sicht mit Inklusion zu tun hat beziehungsweise haben könnte.

Meine alte neue Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ändert sich derzeit wöchentlich. Inzwischen erfahren wir nach und nach Lockerungen und ich höre das befreite Aufatmen vieler Mitmenschen. Ich empfinde es hingegen nicht als befreiend. Noch immer ist der Virus auf seiner Durchreise und noch immer gibt es keinen Impfstoff. Die Bilder aus unseren Nachbarländern Italien und Frankreich sind in meinem Kopf noch immer so präsent, dass jeglicher Wunsch nach Kino- oder Kneipenbesuchen im Keim erstickt.
Woher kommt also dieses befreite Aufatmen vieler Mitmenschen? Auch sie haben die Bilder gesehen, auch sie haben Familie und Freunde, denen sie sicher nichts Böses wünschen. Vielleicht steckt ein Teil der Antwort in dieser Aussage: Weil sie es können!

Vieles kann ich einfach nicht oder nicht so unkompliziert wie meine sehenden Mitmenschen. Wenn ich beispielsweise in die Sauna möchte, fällt mir da zunächst der heiße Ofen ein und ich überlege mir daher wen ich als sehende Begleitung anheuere. Also, Sonntag und Schmuddelwetter, Tasche packen und los … vergiss es. So eine Sache muss schon mit ein wenig Vorlauf geplant sein. Selbst wenn ich meinen ganzen Mut zusammen nehme und doch alleine losziehe, wird es nicht einfacher. Das erfordert dann nämlich volle Konzentration auf die mir noch verbleibenden Sinne. Sieht so ein entspannter Saunanachmittag aus?
Mit einer Freundin, die im Rollstuhl sitzt, ins neue Szene-Café oder ins Kino? Gerne, aber erst mal nachfragen, wie es dort mit der Barrierefreiheit so aussieht.
Das was also derzeit für viele Menschen der Shutdown bedeutet, sind für mich die Barrieren und du glaubst ja nicht, wo die alle lauern … ach doch, als aufmerksamer Leser dieses Blogs kennst du bestimmt auch schon den Beitrag Sommerzeit ist Reisezeit 2.

Ich habe also vor gut zwanzig Jahren schon meinen ganz persönlichen Shutdown erlebt. Inzwischen habe ich mein Leben so eingerichtet, dass ich dennoch aus voller Überzeugung behaupte, dass ich ein weitestgehend selbstbestimmtes und erfülltes Leben führe. Wie du in anderen Beiträgen lesen kannst gehe ich gerne in die Arena um die Atmosphäre bei Handballspielen zu genießen, ich gehe in Restaurants und Kneipen, ins Kino und ich Reise sehr gerne. Weder die Blindheit noch die Barrieren können mich daran hindern. Ich habe inzwischen Wege gefunden und mich zum Organisationstalent gemausert und vor allem habe ich gelernt, dass nicht immer alles so geht wie ich es gerade gerne möchte.

Was ist nun die Moral aus all dem?

Der Shutdown hat uns in den vergangenen Wochen alle behindert. Unser Leben stand still und jetzt mit den Lockerungen kommt nachvollziehbarer Weise das große Aufatmen. Für mich bleiben allerdings die Barrieren. Klar, auch ich kann wieder in die Sauna oder mit einer Freundin im Rollstuhl in die Kneipe. Das heißt, das muss ich ja erst noch mal klären. Du weißt schon, die Stufen, der heiße Ofen …

Ich behaupte also, dass was ein Impfstoff gegen den Virus für uns derzeit bedeutet, bedeutet Inklusion für Menschen mit Beeinträchtigungen, ältere Menschen, Familien mit Kinderwagen, Reisende mit schwerem Gepäck … letztlich für uns alle.
Während nun also viele wieder langsam aufatmen, warte ich noch immer auf die neue Wirklichkeit und ich würde mich freuen, wenn dieser Beitrag und die Erfahrungen der letzten Wochen vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken anregen. Inklusion ist nämlich viel mehr als eine schöne oder phantastische Vision. Inklusion verspricht ein buntes Leben mit Restaurant- und Kinobesuchen, Sauna- und Freizeitspass für alle!

1

Die Frage "Was sieht man, wenn man nichts mehr sieht?" klingt paradox und die Antwort darauf scheint einfach: nichts!
Tatsächlich bekomme ich diese Frage hin und wieder gestellt, und da ich mich mit einfachen, einsilbigen Antworten nur sehr selten zufrieden gebe, kann meine Antwort unmöglich "nichts" lauten. Selbst wenn ich so antworten würde, müsste sich doch sofort die Frage anschließen: Was ist nichts?Also, heute mal ein paar Zeilen zum Nichts.

Nichts ist wirklich schwer vorstellbar und wie immer, schreibe ich auch in diesem Beitrag wieder nur über mich, meine Empfindungen, mein Nichts. Bei anderen blinden Menschen mag das Nichts ganz anders aussehen. Nun aber Butter bei die Fische, wie sieht es nun aus dieses ominöse Nichts.

Mein Nichts: So sieht es aus!

Ganz objektiv betrachtet ist Nichts bei mir seit nunmehr gut 20 Jahren wirklich nichts. Ich sehe keine Umrisse, keine Schatten, kein Hell oder Dunkel. Nichts! Mein Nichts ist jedoch nicht schwarz, wie man vielleicht glauben mag. Mein Nichts ist eher vergleichbar mit einem Testbild beim Fernseher, also so ein Gekrissel aus schwarzen, weißen und grauen Pünktchen.
Ganz dicht vor meinen Augen hängt nun also so eine Mattscheibe; sagen wir lieber ein Vorhang … ich glaube das Muster nennt man auch Pfeffer und Salz. Doch die Farbanteile sind nicht immer gleich verteilt. Bin ich müde oder traurig, überwiegt Pfeffer. Die meisten Tage sind jedoch gut gesalzen.

Mein Nichts, also der Vorhang vor meinen Augen, ist nun aber nicht blickdicht. Durch den feinen Stoff hindurch kann ich schemenhaft meine Umgebung erkennen. Natürlich nicht wirklich. Diese Bilder entstehen in meiner Fantasie. Wenn ich also am Schreibtisch sitze, vor dem Laptop, dann sehe ich durch den Vorhang hindurch meine Finger, die über die Tastatur fliegen und das Display des Laptops aufgeklappt vor mir; aus dem Augenwinkel das Fenster. Zugegeben, nicht sehr fantasievoll. Schließlich weiß ich um das Fenster, den Laptop vor mir, die Tastatur höre und fühle ich. Doch auch wenn ich eine Straße entlang laufe, sehe ich durch den Vorhang hindurch Häuser, Fahrradständer, einen Zebrastreifen oder eine Baustelle. Alles Informationen, die ich über die anderen Sinne bekomme … oder auch meine Fantasie. In einem Kinofilm habe ich auch schon einmal eine Brücke gesehen, die bei der anschließenden Beschreibung der Szene zu viel Verwirrung geführt hat.

Nicht immer, aber hin und wieder haben die Fantasiebilder hinter dem Vorhang auch Farbtupfer. Malt meine Fantasie beispielsweise Bäume oder Büsche, dann sind die grün und Lieschen mein Blindenführhund ist ganz klar schokobraun. Was auch immer schokobraun ist … über Farben habe ich in einem früheren Beitrag Blind Date mit den Tierchen, die nachts die Kleider enger nähen – Lösung: Shoppen! schon einmal geschrieben.

Flüchtige Fantasiebilder - oder doch nicht?

Weder Lieschen, Gebäude noch Gesichter aus meinen Fantasiebildern kann ich dir aber näher beschreiben. Eine Haarfarbe vielleicht, aber eine nähere Beschreibung um die ich manchmal gebeten werde - also so nach dem Motto "Wie sehe ich aus?" - muss ich schuldig bleiben. Sobald ich versuche diese Fantasiebilder zu greifen, rieseln sie wie Pfeffer und Salz zwischen meinen Fingern hindurch. Du kennst das vielleicht von Traumbildern. So deutlich sie im Traum noch waren, so schnell verschwimmen sie nach dem Aufwachen.
Apropos träumen, ebenso wie ich meine Umwelt tagsüber erlebe, so träume ich auch.

Also, mein Nichts ist schwarz, grau und strahlend weiß, manchmal mit Farbtupfern. Nichts können Häuser, Gesichter oder Brücken sein. Nichts ist eine gehörige Portion Fantasie oder wie Albus Dumbledore bei Harry Potter und die Heiligtümer des Todes sagt: "Natürlich findet es in deinem Kopf statt, aber warum, in aller Welt, sollte das heißen, dass es nicht wirklich ist?"

In diesem Sinne wünsche ich dir einen fantastischen Mai!

Als Einstieg in meinen letzten Beitrag Käse, Kaffee und Co. - So kommen sie in meinen Kühlschrank wählte ich die gerade angebrochene Fastenzeit. Das war vor einem Monat. Inzwischen ist das Fasten dem Hamstern von haltbaren Lebensmitteln und Toilettenpapier gewichen. Während langsam also viele Kühl- und Vorratsschränke aus allen Nähten platzen dürften, herrscht in unseren Terminkalendern gähnende Leere. Der Corona-Virus hat unser Leben fest im Griff.
Lange habe ich überlegt, ob nun auch ich noch etwas darüber schreiben soll, und wenn ja, was. Da ich in diesem Blog ja aber über mein Leben schreibe, gehört auch mein Umgang mit dieser aktuellen Herausforderung dazu. Hier nun also mein ganz persönliches Rezept.

Bittere Pillen schlucken!

Es gibt Situationen im Leben, die kann man nicht ändern. Das ist keine faule Ausrede, eher ein Fakt.
Weder kann ich etwas an der Tatsache ändern, dass ich blind bin, noch an der Existenz des Corona-Virus. Angesichts dessen, dass solche Pillen wirklich bitter schmecken können, gilt es diese möglichst schnell zu schlucken. Es stellt sich also nicht die Frage ob, sondern wie man damit umgeht.

Im Hinblick auf die Corona-Pandemie scheint das "Wie" auch schnell beantwortet zu sein: Zuhause bleiben und physische Kontakte zu anderen Menschen meiden! Da ich bei den Gassi-Runden mit meinem Blindenführhund immer mal wieder den Eindruck habe, dass die Verwunderung einem blinden Menschen zu begegnen größer ist als die Sorge einer eventuellen Ansteckung, nehme ich dies auch sehr ernst. Lebensmittel lasse ich mir also liefern und versuche als Reha-Ausbilderin meine Teilnehmer während der Heimlernphase so gut wie möglich zu unterstützen.

Bitterer Nachgeschmack?

Na klar, auch ich hatte ein Leben vor Corona. Auch ich hatte Pläne und Vorhaben auf die ich mich gefreut habe. Am 01. April sollte meine jährliche Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" mit Diskussionsrunde und Rahmenprogramm stattfinden - kein Scherz. Die wesentlichen Vorbereitungen hierfür waren abgeschlossen und die Einladungen verschickt. Das heißt ich hatte bereits jede Menge Arbeit investiert und mich auf die Veranstaltung, aber auch auf die Zeit danach gefreut: Osterferien, Frühling, Sommer. Ich wollte mal wieder zu einem Handballspiel, in netter Gesellschaft ein Käffchen oder ein Bier trinken. Auch die Vorfreude auf den geplanten Sommerurlaub Anfang Juni wuchs wöchentlich. Stopp! Auch wenn die Pille bitter war, muss ich den Nachgeschmack ja nicht auch noch künstlich in die Länge ziehen.

Nachspülen und genießen!

Die Vorratsschränke sind voll, es dürfte jetzt also nicht so schwer sein, etwas zu finden, womit sich der bittere Nachgeschmack verdrängen lässt. Bei mir liegt Schokolade ganz oben. Übertroffen wird sie aber durch die Tatsache, dass bisher weder ich noch meine Familie oder Freunde infiziert sind. Die Nachrichten aus den Nachbarländern tragen ihr Übriges dazu bei, dass ich derzeit wirklich gerne zu Hause bleibe.

Um mein Leben dann auch noch mit einem Zuckerrand zu versehen, muss ich mich nicht zwingend kopfüber aus dem Haus stürzen. Auch zu Hause gilt: Ich brauche eine sinnvolle Aufgabe. Die Möglichkeit, mich im Homeoffice nützlich zu machen, trägt daher sehr zu meinem Wohlbefinden bei; und auch wenn noch nichts spruchreif ist, für die nahenden Osterferien habe ich auch wieder Pläne. Möglichkeiten wie über diese Engagement-Plattform gibt es inzwischen ja einige:
https://engagiert-in-halle.de/

Die Reiselust stille ich mit meinem Lieblings-Podcast und ansonsten gilt so wie so immer: Ich umgebe mich vorwiegend mit Menschen, die mir gut tun. Ob übers Telefon, die sozialen Netzwerke, Messenger-Dienste, die Möglichkeiten sind so vielfältig wie noch nie.
Freunde, für die im Alltag häufig viel zu wenig Zeit bleibt, fragen wie es einem geht; und neulich rief sogar ein WG-Mitbewohner aus Abi-Zeiten an, mit dem ich seither keinen Kontakt mehr hatte. Auch wenn wir unsere Telefonnummern bereits seit mehreren Monaten über einen gemeinsamen Freund ausgetauscht hatten, hat es nicht geklappt. Absicht? Nein, man ist einfach immer sehr beschäftigt. Will sagen, auch in Zeiten von "social distancing" ist ganz viel soziale Nähe möglich!

Verbunden mit dem Wunsch, dass auch du ganz viel soziale Nähe erfährst und gesund durch diese Zeit kommst, hier noch mein Lieblingsfoto 2020.Foto: geöffnetes PaketDieses Paket mit Hundefutter, Dosenwurst aus eigener Schlachtung und einem mit Liebe gebackenen Nusskuchen erhielt ich vor wenigen Tagen von meinen Eltern. Die Rolle Toilettenpapier, die als Füllmaterial zum Schutz des begehrten Inhalts diente, zauberte außerdem ein breites Grinsen auf mein Gesicht.

Wenn du weitere Tipps hast, die uns die Zeit zu Hause versüßen, teile diese gerne in den Kommentaren!

Nicht nur für die Katholiken ist seit Aschermittwoch alles vorbei. Egal ob gläubiger Christ oder nicht, viele nutzen die Zeit bis Ostern um zu fasten. Traditionell bedeutet dies der Verzicht auf Nahrung. Gibt es also eine bessere Zeit, um über den Lebensmitteleinkauf zu schreiben?
Nicht wirklich, gerade eine bewusste Ernährung will sorgsam durchdacht sein.

Vorbereitung ist alles!

Ich zähle mich zwar nicht zu den Kleidung-am-Vortag-Herauslegern, schreibe aber mit Vorliebe Listen: To-do-Listen für jeden Wochentag, Packlisten für den Urlaub und Einkaufslisten. Insbesondere bei der Einkaufsliste mag dies sicher auch damit zusammenhängen, dass ich mich durch die Warenpräsentation im Supermarkt nicht inspirieren lasse. Da hab ich einfach keinen Blick für. Ich brauche also bereits im Vorfeld einen Plan, was im Einkaufswagen landen soll.

Woher bekomme ich nun aber meine Inspiration?
Na klar, da ist zum einen die Werbung in Radio, TV und Internet. Hin und wieder google ich nach Rezepten bzw. den entsprechenden Zutaten für Gerichte, auf die ich Appetit habe; und vor dem Wocheneinkauf rufe ich die Website meines Supermarktes auf und informiere mich über die Wochen-Angebote - das nenne ich dann meinen virtuellen Gang durch die Regale.

Den Einkaufszettel schreibe ich mir dann in Brailleschrift auf eine handliche Karteikarte. Mehr zu dieser von Louis Braille entwickelten Schrift und welche Vorteile so ein Einkaufszettel aus Pünktchen hat, kannst Du in meinem Beitrag Gefühlvoll in die graue Jahreszeit - Oder: Fühlen, hören, eintauchen lesen.
Von so einem Einkaufszettel werde ich ja aber nicht satt. Also, ab in den Supermarkt, zum Bäcker oder in den Bioladen meines Vertrauens.

Ran an den Speck!

Die Wege, um an die begehrten Produkte zu kommen, sind vielfältig - online wie offline.
Ich bin ein Freund davon, selbst in den Laden zu stiefeln. Dort sind dann aber, nicht nur im Hinblick auf die Umwelt, die vielen verpackten Produkte ein echtes Problem. Unabhängig vom Inhalt fühlen sich viele Verpackungen gleich an. Doch zugegeben, selbst die Produkte, die man durch ihre Form gut ertasten kann, machen den Einkauf nicht unbedingt leichter - wenn es dumm kommt, muss ich unzählige Tafeln Schokolade in die Hand nehmen, bis ich die gewünschte Marke erwische. Ganz ehrlich, auch blinde Menschen haben pro Tag nur 24 Stunden zur Verfügung, und da ist die Nacht bereits mit inbegriffen.

Ich mag gerne kleinere Läden, in denen man bedient wird, und im Supermarkt greife ich auf die Hilfe der Verkäuferinnen und Verkäufer zurück. Sie gehen gemeinsam mit mir durch den Laden und sorgen dafür, dass die von mir gewünschten Produkte im Einkaufswagen landen. Bei Bedarf kann ich sie aber auch mal nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum fragen - für mich ein echter Vorteil gegenüber Bestellungen im Internet.

Nachdem die Einkäufe in meinen Besitz übergegangen sind, kann ich sie gemeinsam mit der Verkäuferin oder dem Verkäufer so auf Rucksack und Beutel aufteilen, dass ich bereits ein wenig vorsortiert habe - das Problem der Verpackung und damit schwierigen Unterscheidbarkeit bleibt ja nach wie vor bestehen.
Zuhause mache ich mir dann verschiedene Hilfsmittel, vorzugsweise Apps auf meinem Smartphone, zu Nutze, um beispielsweise den Barcode zu scannen und mir per Sprachausgabe den Inhalt der Verpackung ansagen zu lassen.

Ich bekomme jetzt langsam Hunger, vor allem wenn ich daran denke, welche Leckereien ich erst heute wieder nach Hause getragen habe. Fastenzeit hin oder her … anstatt auf Nahrung zu verzichten versuche ich lieber noch sorgsamer darauf zu achten, meinen Hausmüll zu reduzieren.

Bei Fragen, Ergänzungen oder Themenwünschen schreib mir einfach in den Kommentaren. Ich freue mich!

Blind Date mit den Tierchen, die nachts die Kleider enger nähen - Lösung: Shoppen!

Weihnachten ist vorbei, die letzten Silvester-Knaller verraucht … wir schreiben das Jahr 2020 und auch die Anzeige der Personenwaage geht mit der Zeit. Will sagen, sie ist nicht stehen geblieben. Ach was schreibe ich, Du weißt doch sicher was ich meine. Braten, Lebkuchen und Glühwein haben wir auf unseren Hüften erfolgreich ins neue Jahr gerettet. Wir? Ja, wir … also viele von uns. Umsonst liest und hört man derzeit nicht überall Diät-Tipps. Stopp! Ich habe eine andere Lösung.
Pünktlich zum neuen Jahr flatterte bei mir nicht nur der erste Diät-Tipp per Spam-Mail ins Haus, sondern auch der Jahresbonus für das Klamottengeschäft meines Vertrauens. Aber wie mache ich das nun mit all den Farben, Schnitten …?

Grün und Blau schmückt die Sau!

Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt wird ist, wie ich das mit dem Anziehen mache, ob ich mir Farben vorstellen kann. Zunächst einmal ja, ich konnte bis zu meinem 18. Lebensjahr mehr oder weniger gut sehen, zumindest Farben konnte ich erkennen und ich habe eine Vorstellung von Rot, Gelb, Grün und von einem Regenbogen. Auch unter einer Tomate, Himbeere oder Brombeere kann ich mir noch etwas vorstellen. Bei all den Farbabstufungen wird es dann aber tatsächlich schwer bis unmöglich. Da darf ich mich dann nicht zu sehr verbeißen, sonst explodieren all die Farben in meinem Kopf.

Auch von Farbkombinationen, von denen man früher immer sagte das geht nicht, verabschiede ich mich nur langsam. Die Farben muss ich dann vor meinem inneren Auge erst einmal eine Weile auf mich wirken lassen. Manches finde ich dann richtig gut, an manches gewöhne ich mich aber auch nicht - ich glaube das ist dann das, was man persönlichen Geschmack nennt. Eine Verkäuferin meinte einmal: "Sie wissen aber ganz genau was Sie wollen." Na klar, warum auch nicht. Persönlichen Geschmack oder persönlichen Stil legt man ja nicht mit dem Augenlicht ab. Es wird manchmal eben nur etwas schwerer ihn umzusetzen oder zu verfeinern, da man Details nicht einfach irgendwo mal sieht, sondern auf Informationen von Familie und Freunden oder den Medien angewiesen ist.

Entscheidend beim Shoppen ist für mich also zunächst einmal, dass ich jemanden habe, der oder die mir die Farben der Klamotten gut beschreibt. Glücklicherweise arbeitet im Klamottenladen meines Vertrauens eine Verkäuferin, die das wirklich gut beherrscht. Sie weiß auch, welche Farben ich nicht mag und sie sagt mir auch ganz ehrlich, wenn mir eine Farbe nicht steht. Außerdem kennt sie den Inhalt meines Kleiderschranks inzwischen ganz gut - hat sie in den vergangenen Jahren ja tatkräftig mitgeholfen ihn zu bestücken. Das war zum einen sicher geschäftstüchtig, aber auch zu meinem Vorteil, denn so bekomme ich auch immer wieder Tipps womit ich mein neu ergattertes Lieblingsteil gut kombinieren kann. Das ist dann schon einmal mehr als die halbe Miete.

Mein Körper spricht mit mir!

Ist die Farbfrage geklärt, übernimmt den Rest das Körpergefühl. Ich steige also in die Hose, ziehe mir das Oberteil über und höre dann auf mein Körpergefühl. Wenn es sagt: Ja, das bist Du, dann ist eigentlich alles klar. Natürlich bin ich schon so eitel, dass ich mir dann noch mal das optische Okay der Verkäuferin hole, aber in der Regel stimmt das schon mit meinem Gefühl überein. Umgekehrt funktioniert es allerdings nicht. Fühle ich mich verkleidet oder unwohl, kann der optische Eindruck noch so positiv sein - dieses Kleidungsstück wird nicht in meinen Kleiderschrank einziehen.

Bei Schuhen ist es nicht viel anders. Angucken, also ertasten, anziehen und auf mein Gefühl hören. In manchen Schuhen habe ich dann beispielsweise sofort das Gefühl, dass sie mich strecken - bei 1,58 Metern Körpergröße ein nicht ganz unangenehmes Gefühl und entsprechend ein nicht unerhebliches Kaufkriterium.
Manchmal bringe ich auch das zuvor erstandene Kleidungsstück mit und frage nach einem passenden Schuh.

Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, dass ich gerne Shoppen gehe, dann stimmt dies nicht ganz. Lieber gehe ich mit meinem Hund ins Grüne oder in den Delikatessenladen um die Ecke - und am liebsten genau in dieser Reihenfolge. Wie ich nun an all die Leckereien komme, wie ich also meinen Lebensmitteleinkauf organisiere, davon berichte ich beim nächsten Mal.

Fragen, Tipps und Anregungen zum Shoppen sowie all den anderen Themen des Lebens, kannst Du mir wie immer gerne in den Kommentaren hinterlassen.





Bilder sprechen lassen!

Bilder sagen mehr als tausend Worte, und das ist ja auch der Grund, weshalb wir sie beispielsweise in sozialen Netzwerken und über Messenger-Dienste so gerne teilen. Das süße Hunde-Foto, die spektakuläre Aussicht oder das Silvestermenü - das muss man einfach gesehen haben!
Nein, nicht unbedingt. Bilder muss man nicht zwingend sehen, man kann sie auch hören. Hören? Pssst, wenn Du mal gaaanz leise bist ...
Okay, ganz so einfach funktioniert es natürlich nicht. Sie sprechen nicht von selbst. Wir müssen sie sprechen lassen.

Trauriges nachdenkliches Gesicht

Die meisten Fotos, die in den sozialen Netzwerken, also beispielsweise bei Facebook geteilt werden, sprechen leider nicht mit mir. Egal, ob süßes Hunde-Foto, spektakuläre Aussicht oder Silvestermenü, meine Sprachausgabe sagt meist nur: "Keine Fotobeschreibung verfügbar“.
Dies liegt daran, dass der Screenreader, also die Software, die den Bildschirm ausliest und mir in Sprache oder Brailleschrift wiedergibt, nur Text erkennt.
Doch Vorsicht, wenn ein Text abfotografiert wurde, so ist dies letztendlich auch nur ein Bild. Die schön gestaltete Menükarte, die Dir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, hinterlässt bei mir auch nur Fragezeichen. In diesem Fall verrät mir meine Sprachausgabe nämlich auch nur: "Bild könnte enthalten Text" … genau hierin liegt aber auch die Lösung.

Grinsendes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen

Emojis, wie das traurige, nachdenkliche Gesicht oder das grinsende Gesicht mit zusammengekniffenen Augen, werden mir von der Sprachausgabe vorgelesen … sie sprechen mit mir. Auch deine Fotos können das, und zwar mit Hilfe des so genannten Alternativtextes.

Wenn Du also beispielsweise bei Facebook ein Foto teilst, klicke einfach auf Foto bearbeiten und dann auf Alternativtext. Hier gibst Du eine kurze Bildbeschreibung ein und fertig. Ein grinsendes, zumindest aber ein lächelndes Gesicht meinerseits ist Dir sicher, denn ab sofort heißt es nicht mehr "Keine Fotobeschreibung verfügbar".
Hin und wieder kommt es auch vor, dass bereits automatisch ein Alternativtext erstellt wurde. Wenn also ein Programm im Hintergrund dein Silvestermenü als Essen erkennt, steht im Eingabefeld für den Alternativtext bereits "Essen", und meine Sprachausgabe verrät mir: "Foto enthält Essen". Wenn Dir diese Beschreibung nicht genügt, kannst Du den Alternativtext auch jederzeit ändern oder ergänzen. Doch mach es nicht zu kompliziert … und keine Scheu, eine kurze Beschreibung ist besser als keine!

Nun also ran an den Speck, fotografieren, hochladen, Alternativtext einfügen … Happy New Year!

Wir stecken wieder einmal mitten drin, im November-Grau. Nebel vermindert die Sicht und das nass-kalte Wetter schlägt aufs Gemüt. Stopp! Kein Grund zu verzweifeln, ich weiß da was … und in Sachen schlechter Sicht kenne ich mich ja schließlich aus. Also pass auf: wir holen uns jetzt beide eine Tasse mit einem duftenden Heißgetränk und wahlweise auch ein oder zwei Kekse. Damit ab auf die Couch, unter eine kuschelige Decke und gaaanz tief eintauchen in eine berührende Geschichte.

Schon als Kind liebte ich Geschichten. Von Astrid Lindgrens "Kinder von Bullerbü" und "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler konnte ich nicht genug bekommen; na klar, und "Die kleine Raupe Nimmersatt". Diese Bücher stehen noch heute in meinem Regal. Schöne Kindheitserinnerungen, die mich sehr berührt haben.

Einfühlsam dank Louis!

Die Begeisterung, sich in fantastische Geschichten einzufühlen, in historische Romane oder in Krimis einzutauchen, ist mir geblieben. Nur heute fühle ich noch einmal auf eine ganz andere Art: ich ertaste sie Punkt für Punkt. Daher nennen wir diese Schrift auch Punktschrift, Blindenschrift oder nach ihrem Entwickler Louis Braille: Brailleschrift.

Sicher hast Du solch eine Ansammlung von Punkten schon einmal gesehen und dich vermutlich gefragt, wie man daraus eine Geschichte oder sonst einen sinnvollen Text ertasten kann. Geht, dank Louis Braille. Aus nur sechs Punkten entwickelte er ein System, mit dem sich jeder Buchstabe des Alphabets und noch viele weitere Zeichen darstellen lassen. Stell dir einfach einen Eierkarton für sechs Eier vor. Du hast jetzt also jeweils zwei Eier nebeneinander und drei Eier untereinander. Je nachdem welche Eier du nun entnimmst, erzeugst du einen Buchstaben, ein Satzzeichen oder auch eine Kombination mehrerer Buchstaben. Es gibt nämlich nicht die eine Blindenschrift. Wir unterscheiden eine Basisschrift, eine Vollschrift, eine Kurzschrift, Computerbraille oder beispielsweise auch eine Schrift für Mathe, eine Notenschrift für Musiknoten ... nur Sesambrötchen folgen keiner Systematik und liefern daher auch leider keine Kurzgeschichten.

Ich will es nicht zu kompliziert machen. Daher nur so viel: In der Basisschrift bildet jede Kombination aus den zuvor genannten sechs Eiern, also Punkten, einen Buchstaben ab. Die meisten Bücher in Brailleschrift sind jedoch in Kurzschrift gedruckt. Hier werden Lautgruppen, Silben oder auch ganze Worte durch nur ein oder zwei Zeichen dargestellt. Das Wort Blindenschrift beispielsweise besteht aus nur fünf Zeichen. Damit erhöht sich dann auch, jedenfalls nach intensivem Üben, die Lesegeschwindigkeit. Klar, fünf Zeichen sind mit dem Finger schneller erfasst als 14 Zeichen - so viele Buchstaben hat das Wort Blindenschrift nämlich.

Wenn Du einmal sehen möchtest, wie dein Name in Brailleschrift aussieht, dann schau mal hier: https://www.woche-des-sehens.de/infothek/zum-selbsterleben/braille-simulator

Einfühlsam geht auch anders!

Einen Nachteil haben Bücher in Brailleschrift allerdings. Sie sind, auch in Kurzschrift, sehr unhandlich. Ein Taschenbuch füllt schnell mal zwei Ordner. Das liegt unter anderem an der Größe eines Zeichens und an dem dickeren Papier. Das ist auch der Grund, weshalb ich jetzt gestehen muss, dass ich zu Beginn etwas geflunkert habe. Ich lese keine Bücher in Brailleschrift. Mit so einem Ordner lässt es sich einfach nicht so bequem auf der Couch herumlümmeln.
Meinen Einkaufszettel mit den Keksen und dem Tee, den schreibe ich aber tatsächlich immer in Brailleschrift. In diesem Fall haben die Pünktchen nämlich einen echten Vorteil: sie lassen sich wegkratzen. Also sind die Kekse im Einkaufswagen, kratze ich sie von der Einkaufsliste. So behalte ich immer den Überblick und vergesse nichts.

Wenn ich in Geschichten eintauche, dann greife ich auf Hörbücher zurück. Nur was hätte ich über Hörbücher schon spannendes schreiben können. Die sind inzwischen ja absolut kein Nischenprodukt mehr. Aber einen kleinen Tipp habe ich in Sachen Hörbücher zum Abschluss vielleicht noch. Du siehst selbst nicht gut, oder Du kennst jemanden: Blinde und sehbehinderte Menschen können bei Blindenhörbüchereien kostenlos Hörbücher ausleihen. Aber auch Zeitschriften und Wochenzeitungen bekommt man dort.

So, nun bleibt mir nur noch, dir eine gute Zeit mit vielen tollen Büchern zu wünschen; und wenn Du noch Fragen hast - zur Brailleschrift oder den Blindenhörbüchereien, dann schreib mir einfach in den Kommentaren. Gerne darfst Du mir dort auch Lesetipps hinterlassen!

"Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm!" Genau das ist auch der Grund, weshalb ich immer artig antworte, wenn mich wieder einmal jemand an der Straßenbahnhaltestelle, beim Gassi gehen oder sonst irgendwo anspricht und mich über mein Leben ausfragt. Nun möchte ich mir nicht anmaßen, all diejenigen als dumm zu bezeichnen, die das Leben mit Blindheit nicht kennen. Eine gewisse Unwissenheit ist ja aber nicht von der Hand zu weisen.

Woher soll man als Otto oder Ottilie Normalverbraucher aber auch wissen, wie das Leben ohne Augenlicht so ist. Als ich mit 13 Jahren sehbehindert wurde, hatte ich auch keine Vorstellung davon. Ich kannte außer meiner Uroma und meinem Opa keine blinden oder sehbehinderten Menschen. Sie wachsen ja nicht auf den Bäumen, und auch im Kindergarten oder in der Schule bin ich keinem blinden Kind begegnet. Das mag sich inzwischen ein wenig, ein ganz kleinwenig gewandelt haben, und doch gibt es täglich die Situation, dass ich Blicke auf mich ziehe, Kinder fragen, was denn mit der Frau sei oder ich eben auch direkt angesprochen werde.

Wieso, weshalb, warum?

Keine Frage, ich bin anders … und doch wieder nicht; und an manchen Tagen würde ich mir wünschen, auch einfach nur mal ganz normal zu sein. Aber was ist schon normal? Ich habe zwei Arme, zwei Beine und die Nase mitten im Gesicht. Im Gegensatz zu Frühaufstehern breche ich nicht jeden Morgen in Jubel aus, wenn mich der Wecker aus meinen Träumen reißt; und ich mag Schokolade … und doch steht häufig eben dieses kleine Detail zwischen mir und all den Langschläfern und Schoko-Junkies. Damit entstehen dann auch immer wieder diese Fragen: woher weißt Du wie spät es ist, welche Schokolade Du gerade aus dem Monatsvorrat erwischt hast …?

Vieles in meinem Leben ist gar nicht so spektakulär anders. Manches mache ich eben nur etwas anders und für vieles gibt es Hilfsmittel oder ich habe so meine Tricks. Hin und wieder muss ich auch um Hilfe bitten. Während du also auf deine Uhr schaust, habe ich eine taktile Armbanduhr oder einen sprechenden Wecker. Meist greife ich aber auf meinen ständigen Begleiter zurück, das iPhone. Dank der Sprachausgabe VoiceOver kann ich mir die Uhrzeit ansagen lassen oder die Wecker-App bedienen; und über verschiedene Apps kann ich den Barcode der Schokolade einscannen, um mir dann die entsprechenden Informationen ansagen zu lassen. Wenn allerdings ein neuer Monatsvorrat fällig wird, bitte ich im Supermarkt eine freundliche Verkäuferin um Hilfe. Bis ich nämlich alle Regale durch bin und jedes Produkt einmal in der Hand hatte, ist vermutlich der Monat auch schon wieder um.

Foto: Taktile Armbanduhr mit geöffnetem Deckel. Mein rechter Zeigefinger ertastet die Uhrzeit.

Wer nicht fragt, bleibt dumm!?

Ich glaube es ist wichtig, auf all diese Fragen einzugehen; und meine Erfahrung zeigt: je mehr Unwissenheiten abgebaut werden, desto mehr kann ich als Person in den Vordergrund rücken. Daher gehe ich beispielsweise auch als Vorlesepatin in Kindergärten und Grundschulen. Neben einer Geschichte habe ich dann auch immer Zeit für Fragen im Gepäck; und wenn ein kleines Mädchen fragt, wie ich das auf dem Klo mache, beantworte ich auch das.

Leider stoße ich hin und wieder auch an Grenzen. Erst vor wenigen Tagen wurde ich mal wieder auf der Straße gefragt, wie ich mit der Blindheit zurechtkomme. Harter Einstieg in ein Gespräch, wenn man jemanden überhaupt nicht kennt. Schwamm drüber. Wir unterhielten uns einige Minuten und ich versicherte, dass ich ganz gut zurechtkomme. Lieschen, mein Blindenführhund, wedelte auch begeistert mit dem Schwanz. Das Gespräch endete dennoch damit, dass man ein Gebet für mich sprach und darum bat, dass ich wieder sehen kann. Ich bete eigentlich nicht. An diesem Abend habe ich jedoch ebenfalls ein Gebet gesprochen und zwar für weniger Engstirnigkeit, mehr Vielfalt und Toleranz.

Also, bleib neugierig und wenn Du Fragen an mich hast, kannst Du mir diese gerne in den Kommentaren hinterlassen. Denn wir wissen ja alle noch aus der Sesamstraße: "1000 tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen."