Dankbarkeits-Gen führt zu Blindheit, Querschnittslähmung oder Depressionen!

Liebe Leser, ja ich habe ein neues Gen entdeckt. Diese Entdeckung wird unser aller Leben massiv verändern. So oder so ähnlich könnte ich einen Beitrag für eine große deutsche Zeitung mit dicken Druckbuchstaben beginnen. Sensation!

Im Ernst, ich möchte heute mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen. Vielleicht nicht sehr clever von mir, denn dies ist mal ein Vorurteil, von dem wir Menschen mit Beeinträchtigungen tatsächlich profitieren könnten. Jedenfalls kommen wir dabei nicht schlecht weg.

 

Immer wenn es um das Thema Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geht, kommt früher oder später der Satz: Menschen mit Beeinträchtigungen sind sehr dankbare und überaus loyale Mitarbeiter.

 

Was stört mich an dieser Aussage?

So wenig hilfreich es ist, die Beeinträchtigung und nicht die Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen oder Menschen mit Beeinträchtigungen zu unterstellen, sie wären häufiger krank als nicht beeinträchtigte Mitarbeiter, so wenig ist uns damit geholfen, wenn man uns pauschal als überaus dankbar und loyal anpreist.

Gehen wir davon aus, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in erster Linie Menschen sind, dann gibt es keinen nachvollziehbaren Grund dafür, weshalb Menschen mit Beeinträchtigungen von Natur aus dankbarer oder loyaler sein sollten.

Noch verrückter wird der Gedanke, wenn man sich einmal vor Augen hält, dass die wenigsten Menschen mit einer Beeinträchtigung geboren werden. Also, Menschen mit einer Beeinträchtigung waren, wie auch ich, häufig erst einmal Menschen ohne Beeinträchtigung. Wenn dieser Zusammenhang zwischen Dankbarkeit, Loyalität und Beeinträchtigung aber tatsächlich besteht, muss daraus gefolgert werden, dass dankbare und loyale Menschen ein weitaus höheres Risiko haben im Laufe ihres Lebens eine Beeinträchtigung zu bekommen. Eine bahnbrechende Erkenntnis, die sich jeder von uns ganz einfach zu Nutze machen könnte: Gehen wir ab sofort undankbar und illoyal durchs Leben, dann ist dies womöglich der bisher beste Schutz vor Blindheit, Querschnittslähmung, Depressionen und weiteren Beeinträchtigungen.

Warum sind Menschen mit Beeinträchtigungen dennoch häufig dankbarer und loyaler?

Werden Menschen mit Beeinträchtigungen dennoch als dankbarer und loyaler wahrgenommen, dann lässt dies aus meiner Sicht nur eine traurige Schlussfolgerung zu: Menschen mit Beeinträchtigungen haben weitaus weniger Wahlmöglichkeiten, wenn überhaupt Wahlmöglichkeiten bestehen, und diese Abhängigkeit führt schließlich zu dieser Wahrnehmung der überaus dankbaren und loyalen blinden Rollstuhlfahrer.

Also, gibt es nun diesen einen Arbeitgeber, der uns eine Chance gibt, dann sind wir natürlich dankbar, schließlich haben wir auch viel Energie in unsere Ausbildung gesteckt, auch wir wollen gebraucht werden und unsere Urlaubsreisen finanzieren. Wir wollen diese Chance auf Teilhabe am Arbeitsmarkt, und wenn wir sie bekommen, dann wären wir doch nicht nur blind oder taub, sondern auch noch ziemlich dämlich, wenn wir uns diese durch Illoyalität kaputt machen würden. Wobei ich jetzt auch nicht sagen möchte, dass es nur clevere Menschen mit Beeinträchtigung gibt. Hilfe, bitte nun kein neues Vorurteil zu unseren Gunsten!

 

Solltest Du wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich des Dankbarkeits-Gens kennen, freue ich mich über einen entsprechenden Quellenhinweis in den Kommentaren.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Arbeit und Inklusion!

September ist Veranstaltungszeit, genauer: meine Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" findet statt und entsprechend gibt es viel zu tun. Die Papierstapel auf meinem Schreibtisch wachsen an und die Schatten unter meinen Augen sind nicht das Ergebnis eines misslungenen Schminkversuchs.

Okay, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben und zum Teil auch geflunkert. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Ich kann doch nicht so plump einsteigen und mit der Brechstange meine Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" bewerben. Aber das möchte ich natürlich - zum Teil. Ich möchte in diesem Beitrag erzählen was ich mit der Veranstaltung beabsichtige und weshalb sie aus meiner Sicht so wichtig ist, und bei dieser Gelegenheit möchte ich auch kurz darauf eingehen, wie ich all diese anfallende Arbeit bewältigen kann. Besser gesagt, wie gelingt es mir Dank Technik und Arbeitsplatzassistenz mein fehlendes Augenlicht auszugleichen.

 

"Arbeit und Inklusion" - Wieso, weshalb, warum?

Kurz zum Hintergrund: seit dem Start meiner Selbstständigkeit organisiere ich jährlich in Halle (Saale) die Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" - in diesem Jahr bereits zum vierten Mal; immer im September und immer mit wechselnden Kooperationspartnern. Der Termin soll fester Bestandteil für möglichst viele Menschen in und um Halle werden, und damit dies gelingt, der fixe Zeitraum Mitte September. Viele Menschen erhoffe ich mir wiederum über die wechselnden Kooperationspartner zu erreichen. Doch warum ist es so wichtig möglichst viele Menschen mit diesem Thema zu erreichen.

Nein, kein Egotrip. Ups, schon wieder ein bisschen geflunkert. Ein ganz kleines bisschen. Natürlich schadet mir als Selbstständige die Öffentlichkeit nicht. Aber ich verkaufe kein austauschbares Produkt, sondern eine Herzensangelegenheit. Ich bin fest davon überzeugt, dass Inklusion kein Geschenk für Menschen mit Beeinträchtigungen ist, sondern ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft! Also muss sie auch davon erfahren.

Ziel der Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" ist es, gemeinsam mit Arbeitgebern, Menschen mit Beeinträchtigungen, Kostenträgern und politischen Entscheidungsträgern Wege für einen inklusiven Arbeitsmarkt aufzuzeigen. Dies erfolgt in Form von Diskussionsrunden und der Gelegenheit sich an Infoständen zu informieren. Mein diesjähriger Kooperationspartner, das Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte (BFW) in Halle (Saale) bietet darüber hinaus die Gelegenheit eine Führung in der Sensorischen Welt anzubieten und Einblicke in das breite Spektrum elektronischer Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte zu geben.

Kurzum: die Veranstaltung bietet viel Raum sich zu informieren, auszutauschen und unter Umständen mehr Klarheit über die Potentiale von Menschen mit Beeinträchtigungen zu bekommen. Denn sind wir mal ehrlich, wer weiß denn so wirklich wie ein blinder Mensch am Computer arbeitet? Oder kann er überhaupt arbeiten, am Computer? So manche Verkäuferin traut mir ja im Klamottenladen noch nicht einmal zu, dass ich alleine in der Umkleidekabine zurechtkomme, wie soll ich dann eine Chance bekommen die Buchhaltung für eine Filiale zu übernehmen? Hier herrscht häufig sehr viel Unwissenheit, und auf Grund der teilweise nach wie vor starken Separation in der Schule und anderen gesellschaftlichen Prozessen auch nicht verwunderlich. Genau deshalb ist es aber ebenso wichtig darüber zu informieren. Nicht nur weil Menschen mit Beeinträchtigungen endlich gleiche Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen sollen. Auch Arbeitgeber lassen viel Potential am Wegesrand liegen.

 

Technik, die begeistert.

Wie funktioniert es jetzt also so ganz ohne Augenlicht am Computer?

Meine Finger ertasten den Text auf der Braillezeile.Ein Geheimnis lautet: Keine Papierstapel, sondern papierloses Büro. Funktioniert natürlich nicht so ganz, denn auch ich bekomme Rechnungen, Werbung und Post von der Krankenkasse, Rentenversicherung usw. Für mich einfach nur Papier. Daher wird alles eingescannt. Wenn es erst einmal auf der Festplatte ist wird aus Papier plötzlich eine Rechnung, ein Informationsschreiben oder bekommt sonst einen Informationsgehalt, dank eines so genannten Screenreaders. Technikbegeisterte mögen es mir verzeihen, ich bin dusseliger Anwender, aber das funktioniert - wie auch immer - so: Text wird von diesem Screenreader, einer Software erkannt und in Sprache oder in Brailleschrift (Blinden- bzw. Punktschrift) umgewandelt. Das heißt ich kann mir den Text vorlesen lassen oder selbst mit den Fingern auf der Braillezeile lesen. So kann ich auch im Internet recherchieren, E-Mails lesen oder schreiben, denn nicht nur der eingescannte oder bereits digital vorliegende Text wird mir durch den Screenreader zugänglich gemacht, auch das von mir selbst Geschriebene kann ich so korrigieren. Die Finger tippen, geübt im Zehn-Finger-Schreiben Buchstabe für Buchstabe, Satzzeichen für Satzzeichen und Zahl für Zahl. Jeder Tastenanschlag wird mir in Sprache ausgegeben und am Ende oder auch zwischendurch kann ich mir alles vorlesen lassen oder wahlweise auf der Braillezeile lesen und gegebenenfalls korrigieren. So ist übrigens auch dieser Text entstanden.

Aufgeklappter Laptop, externe Tastatur und Braillezeile
Meine Finger ertasten den Text auf der Braillezeile.

 

Benötige ich doch einmal Notizen auf Papier, da ich beispielsweise Stichworte für einen Vortrag brauche, habe ich auch die Gelegenheit mir diese über einem Punktschriftdrucker ausdrucken zu lassen.

Punktschriftdrucker

 

Arbeitsassistenz - sie sieht, was ich nicht sehe.

Trotz all der tollen Technik, gibt es dennoch Dinge, die nur mühselig, zeitaufwendig oder gar nicht möglich sind. Hier kommt jetzt meine Arbeitsassistenz ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es in erster Linie zu sehen und mir das Gesehene zugänglich zu machen. Sobald beispielsweise Graphiken oder Bilder auftauchen wird es schwierig. Diese beschreibt mir dann meine Arbeitsassistenz. Oder bei Netzwerkveranstaltungen bzw. ganz allgemein an mir unbekannten Umgebungen ist es mir nur durch die Arbeitsassistenz möglich selbstbestimmt agieren zu können. Sie hilft mir dabei gezielt auf Personen zuzugehen oder überhaupt erst einmal den Weg zum Veranstaltungsort zu finden ... und wenn sie wieder einmal mit zwei Tellern am Buffet steht, dann bringt sie mir auch meist was mit. Habt Vertrauen! Hab ich auch.

 

Ich habe schon jetzt den mir selbst vorgegebenen Umfang eines Beitrags in diesem Blog gesprengt und dennoch gäbe es zu dem Thema noch so viel zu sagen. So habe ich noch überhaupt nicht angesprochen, dass es viele Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt. Beispielsweise werden die Kosten der technischen Arbeitsplatzausstattung oder der Arbeitsassistenz vom Integrationsamt oder anderen Kostenträgern übernommen.

Sicher werde ich das ein oder andere in einem anderen Beitrag wieder aufgreifen und ausführen. Fürs Erste hoffe ich jedoch schon einmal einen kleinen Einblick gegeben zu haben. Gerne gehe ich aber auch auf Deine Fragen in den Kommentaren ein. Auch über Kritik, ob negativ oder positiv, zur Beitragslänge etc., bin ich sehr dankbar.

 

Mehr Meer oder Ostseh

 

Die Sonne brennt seit Wochen vom Himmel und selbst nachts kühlt es kaum mehr ab. Da kommt man schon mal auf solch einen geistreichen Titel. Aber tatsächlich geht es in diesem Beitrag um die Ostsee, genauer um meinen ersten Kurztrip alleine mit meinem Blindenführhund Lisa.

Mein Urlaub ist für September bereits gebucht, daher war dieser Kurztrip übers Wochenende nicht geplant. Bis September ist es aber noch so lange hin. Ich sehne mich nach einer kleinen Auszeit, Sonne und Salz auf der Haut und am Montag habe ich frei. Also los geht's!

Zugegeben, ganz so lässig bin ich diesen spontanen Kurztrip nicht angegangen, denn auch wenn dies nun wirklich nicht meine erste Reise war, so war es dennoch eine Premiere. Bisher hatte ich mich immer spätestens am Urlaubsort mit Familie, Freunden oder einer Reisegruppe getroffen. Aber ich hatte diesen Plan alleine an die Ostsee zu fahren vorsorglich schon so vielen Leuten erzählt, dass ich kaum mehr zurück konnte. Letzte Rettung: im Hotel ist kein Zimmer mehr frei, schließlich ist Hauptsaison.

Montagabend, ich höre das Freizeichen und rechne nicht wirklich damit, dass noch ein Hotelmitarbeiter abnimmt. Das ging schon mal schief. Das Zimmer von Freitag bis Montag ist nun also reserviert.

Meine Bedenken?

Was soll schon passieren, der Zug weiß wohin er muss. Ich muss mich nur reinsetzen und ich habe eine Umsteigehilfe beantragt. Na gut, für Büchen gab es keine Umsteigehilfe, aber in gut 20 Minuten sollte ich mich ja wohl durchfragen können. Dass der Zugbegleiter mit einem blinden Fahrgast überfordert war, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Dank einer Verspätung von gut 30 Minuten hatte ich dann aber mehr als genügend Zeit.

Auch bezüglich des Hotels hatte ich keine großen Bedenken. Ich habe mich für ein AURA-Hotel entschieden. AURA-Hotels sind speziell auf die Bedürfnisse ihrer blinden und sehbehinderten Gäste eingerichtet. Die Zimmernummern sind taktil erfassbar, die Willkommens-Mappe auf dem Zimmer mit allen wichtigen Informationen liegt unter anderem in Brailleschrift aus, und am Buffet sind die Mitarbeiter des Hauses behilflich. Auch begleitete Ausflüge werden angeboten - diesbezüglich war es aber im Vorfeld sehr schwierig Informationen zu bekommen, und genau hier lagen meine größten Bedenken. Was, wenn ich nun zwei Tage im Hotel sitze. So schön das Hotel auch sein mag mit seinem Garten und den lauschigen Sitzplätzen, meine freien Tage möchte ich nicht im Hotel verbringen.

Aber gut, was hatte ich zu verlieren? Selbst wenn es so käme, wenn ich es nicht ausprobiere, weiß ich es nicht.

Und so war es dann wirklich: Großartig!

Dank meinem Blindenführhund Lisa, einer super Navigations-App und zahlreichen lustigen, netten und hilfsbereiten Begegnungen war dieser erste Kurztrip alleine ein voller Erfolg.

Schon beim Umsteigen in Büchen traf ich die ersten hilfsbereiten Mitreisenden, und das zog sich wie ein roter Faden durch die weiteren Tage. Auch am Hundestrand hatte ich das Gefühl, dass alle mit nach Lieschen schauten, und mit zwei netten Frauen ging's nach dem Badespaß noch in die Strandbar.

Den Weg zum Hundestrand, unweit vom Hotel, zeigte mir eine Hotelmitarbeiterin. Die einzige Herausforderung auf diesem Weg bestand darin, die Abzweigung von der Strandpromenade zum Hotel zu finden, ansonsten ging es ja auf der Promenade immer nur gerade aus. Für die richtige Abzweigung hatte ich Lieschen und um noch entspannter sein zu können, hatte ich mir am Vorabend der Reise noch eine Navigations-App geleistet. Diese App wurde gemeinsam mit blinden Menschen entwickelt und bisher hörte ich nur Gutes. Zurecht!

Bei einer kleinen Pause ließen wir uns auf der Seebrücke den Wind um die Nase wehen und meine neue App sagte mir, welche Cafes, Restaurants, Hotels, Sehenswürdigkeiten etc. sich in meiner Nähren Umgebung befinden. Ich suchte mir ein Café aus, das laut seiner Homepage bereits Udo Lindenberg und Franz Beckenbauer zu Gast hatte. Da durften Lieschen und ich ja wohl nicht fehlen. Also Navi neu eingestellt und los ging's.

Ab ging's auch nach Travemünde. Ich hatte am Samstagvormittag noch die Gelegenheit an einem begleiteten Ausflug des Hotels zur Travemünder Woche teilzunehmen. So konnte ich in zwei Tagen Ostsee diesen Ausflug, etwa 13 km auf der Strandpromenade, drei Mal Hundestrand, ein Café-Besuch und absolute Entspannung genießen.

Auf der Nordmole in Travemünde mit Segelbooten im Hintergrund
Nordmole in Travemünde 2018

Dies war garantiert nicht meine letzte Reise alleine mit Hund. Hast Du ähnliche Erfahrungen oder Tipps für Reiseziele, die sich für einen Kurztrip eignen, dann freue ich mich über einen Kommentar!

 

Was haben (blinde) Menschen und Äpfel gemein?

 

Eine kleine Geschichte über die Inklusions-Äpfelchen und warum Barrierefreiheit so wichtig ist, ohne das Wort Inklusion oder Barrierefreiheit zu erwähnen.

Vieles was ich hier in diesem Blog schreibe, entspricht meiner ganz eigenen Sicht auf die Dinge. Ich berichte von meinen Ansichten und Erfahrungen und diese sind natürlich geprägt durch individuelle Voraussetzungen, Herangehensweisen oder Umstände.

Mit meinen Beiträgen möchte ich also lediglich einen Einblick in mein Leben geben. So läuft es bei mir, und manchmal läuft es eben auch nicht. Bei anderen blinden Menschen kann es ganz anders aussehen. Ist ja auch klar, denn in erster Linie sind wir alle Menschen und damit jeder von uns einzigartig!

Was hat das nun mit Äpfeln zu tun?

Auch Äpfel sind sehr vielfältig. Sie unterscheiden sich in ihrer Größe, Form, ihrer Farbe und im Geschmack. Kennt man einen, kennt man noch lange nicht alle, selbst von der gleichen Sorte nicht.

Ich wurde bereits als kleines Äpfelchen gut gehegt und gepflegt. Mit meinen roten Bäckchen hing ich an einem kräftigen Baum mit tiefen Wurzeln. Dies gab mir immer die Sicherheit mich ausprobieren zu können.

Mit 13 Jahren bekam meine glänzende Oberfläche die erste Delle. Ein drastischer Sehverlust, ein Makel! So dachte ich zunächst, und auch für meine Eltern war es nicht einfach. Doch auch wenn der Ast an dem ich hing sich etwas in Richtung Boden neigte, versorgten mich die Wurzeln weiterhin gut mit Nährstoffen. Mein Vater setzte mich auf sein Moped und strampelte auf seinem Fahrrad vor mir her, sodass ich mich an ihm orientieren konnte. Er gab mir Fahrstunden in unserer Familienkutsche und meine Mutter packte die Koffer. Nein, sie hat nicht das Weite gesucht - zumindest nicht alleine. Seit dem Eintritt meiner Sehbehinderung sind wir beide einmal jährlich für ein verlängertes Wochenende verreist. So konnte ich mich und das Leben mit Sehbehinderung weiterhin ausprobieren, neue Erfahrungen sammeln und neue Wege finden.

Auch im späteren Leben traf ich immer wieder auf Lehrer und Vorgesetzte, die mich darin bestärkt haben, mich auszuprobieren, ich selbst zu sein und die Blindheit nicht als Makel zu sehen. "Es ist keine Schwäche, dass Du nichts siehst, sondern eine Leistung" - so oder so ähnlich drückte es einmal ein Vorgesetzter aus. Dies anzunehmen fiel mir zunächst etwas schwer, doch er ergänzte: "Dies gilt ebenso für die Kollegen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Neben ihrer Arbeit am Institut sehen sie sich zusätzlich der Herausforderung gegenüber ihren Alltag in einer fremden Kultur und einer fremden Sprache zu meistern, und das ist eine Leistung."

Um noch einmal auf die Äpfelchen zurückzukommen: Alle Äpfelchen, die als wohlschmeckender Apfel heranwachsen sollen, brauchen eine gute Pflege und beste Voraussetzungen. Das heißt der Baum selbst, also das unmittelbare Umfeld sollte stark und gesund sein, aber auch die Umweltbedingungen spielen eine große Rolle. Eine Windböe kann einem kräftigen und gesunden Baum nicht viel anhaben, und eine Delle vermindert den Geschmack noch lange nicht. Doch eine große Dürre oder ein Wirbelsturm haben schwere Folgen - nicht nur für das zu Schaden gekommene Äpfelchen. Auch alle anderen werden nie erfahren, wie wohlschmeckend dieses zu klein geratene, runzlige oder fleckige Äpfelchen ist, und wieviel Freude es uns in Form von Apfelsaft, Apfelkuchen oder Apfelmus bereiten kann.

Hast Du Appetit auf mehr Gedanken oder Erlebnisse von mir bekommen, dann freue ich mich über Kritik und Wünsche für weitere Beiträge in den Kommentaren!

 

 

Zum Glück blind!

 

Bitte was? Ja, ich habe meinen Blog tatsächlich "Zum Glück blind!" genannt. Hierfür gibt es mindestens zwei Gründe:

  1. Ohne die Blindheit wäre ich heute nicht die, die ich bin.
  2. Auch mein Leben ist sehr bunt - vielleicht auch deshalb, weil ich nichts sehe.

Ich könnte auch schreiben: Ich bin blind, und das ist gut so!

Ohne die Erblindung wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Ich hätte eine andere Schule besucht, vielleicht wäre ich nie nach Kiel oder Halle (Saale) gezogen, hätte vermutlich andere Menschen kennen gelernt, vielleicht auch andere Fähigkeiten und andere Interessen entwickelt. Es wäre sicher einiges anders gekommen. Aber das ist unerheblich, denn so wie es ist, ist es schön!

Ja, auch wenn man nichts sieht, kann das Leben sehr schön und bunt sein. Rosarot und himmelblau ist es aber natürlich nicht. Wie jeder andere Mensch sehe auch ich mich den verschiedensten Herausforderungen gegenüber. Manchmal stehe ich mir selbst im Weg, und dann sind da auch immer wieder diverse Barrieren, die ein selbstbestimmtes Leben erschweren. Auch wenn ich beste Voraussetzungen habe und sie daher meist sportlich nehme, sind es eben genau diese Barrieren, die mich deutlich unglücklicher machen als die Tatsache, dass ich nichts sehe.

Okay, die Blindheit stand auf meinem Wunschzettel auch nicht ganz oben, aber sie gehört zu mir und sie hat mich geprägt - doch nicht nur die Blindheit!

Ich in Kürze

Portraitaufnahme auf dem Halleschen Marktplatz mit meinem Blindenführhund Lisa
Foto: Patrick Bablo

Ich bin zwar mit 1,58 Metern Körpergröße nicht sehr groß geraten, wer ich bin, das lässt sich aber unmöglich in Kürze beschreiben. Die einzelnen Blogeinträge, die ich künftig hier veröffentlichen werde, werden nach und nach ein Bild von mir zeichnen. Für heute erst einmal ein paar Eckdaten.

Name: Nadine Wettstein;

Geburtsjahr und -ort: 1978 in Heidelberg;

Sehbehinderung: Drastische Sehverschlechterung mit 13 Jahren, Erblindung mit 18 Jahren;

Studium: Ökotrophologie (Haushalts- und Ernährungswissenschaften) in Kiel;

Berufserfahrung: Wiss. Mitarbeiterin in den Agrar- und Ernährungswissenschaften;

Heutiger Beruf/Berufung: Freie Dozentin und Beraterin für Inklusion;

Interessen: Lesen, Reisen, Sport und Kultur, ehrenamtliches Engagement, Natur und Lisa …

 

Erläuterung: Lisa, Lieschen, Stinki oder Stinker ist meist an meiner Seite. Auch wenn man es vielleicht nicht immer glauben mag, sie ist ein ausgebildeter Blindenführhund und ein verrücktes Huhn. Sie liebt Bananen, weshalb vielleicht auch ein Äffchen in ihr steckt. Alles in allem ist sie ein großer Schatz und ich werde mit Sicherheit noch häufiger von ihr schreiben.

 

Die Tatsache, dass ich nichts sehen kann - wirklich gar nichts - beeinflusst die Art und Weise wie ich lebe, wie ich meinen Hobbies nachgehe, wie ich meinen Beruf ausübe. Es ändert aber nichts daran, dass ich meinen Beruf mit Leidenschaft ausübe und mit viel Freude meinen Interessen nachgehe - und genau hierüber werde ich monatlich in diesem Blog schreiben. Auch wenn einmal etwas nicht funktioniert, werde ich dies hier nicht verschweigen. Wer allerdings mehr über Augenerkrankungen lesen möchte, der ist hier falsch. Zum einen fehlt mir hierzu das medizinische Fachwissen, zum anderen gibt es aus meiner Sicht deutlich spannenderes: das Leben!

 

Hast Du schon erste Themenwünsche für diesen Blog, kannst Du mir diese sehr gerne in den Kommentaren mitteilen.