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Ein Hoch auf die Unvollkommenheit

Noch wenige Stunden, dann schreiben wir das Jahr 2019. Das alte Jahr ist Geschichte und wie so häufig, wenn etwas zu Ende geht, wird man ein wenig nachdenklich. Man erinnert sich an das Vergangene und auch die guten Vorsätze erfreuen sich zum Jahreswechsel großer Beliebtheit. In Sachen "gute Vorsätze" bin ich noch blutiger Anfänger, doch jetzt bin ich bereit. Ich habe meinen guten Vorsatz für 2019 gefunden.

Auslöser für diesen Beitrag war ein Besuch erst neulich in einer mittelgroßen, deutschen Stadt. Schöne Häuser, teure Geschäfte und alles sehr gepflegt - so wurde es mir beschrieben. Auch Bäume gab es - vereinzelt und eingezäunt.
Es war hübsch, ganz bestimmt sehr hübsch und dennoch machte sich in mir ein komisches, beklemmendes Gefühl breit. Mir war es zu hübsch.

Über so ein Gefühl denkt man nach, also ich denke über so ein Gefühl nach, und ich habe mit Freunden, Bekannten und natürlich mit meiner Mama darüber gesprochen. Jetzt ist dieses Gefühl mit dem Stempel Perfektionismus versehen und ich stelle mir die Frage: was ist eigentlich perfekt?

Was ist eigentlich perfekt?

Perfekt klingt irgendwie ganz positiv und nicht nach einem beklemmenden Gefühl. Perfekt klingt für mich nach einem sonnigen Tag unter einem schattigen Baum, nach Apfelkuchen und Zimteis, nach Lachen und guter Freundschaft. Gute Freunde sind aber vielleicht nicht perfekt. Sie sind so wenig wie ich frei von Mängeln, nicht vollkommen - genau so beschreibt der Duden nämlich das Wort perfekt. Auch so ein Apfelkuchen muss nicht zwingend frei von Mängeln sein um zu einem perfekten Moment beizutragen.

Okay, in meinem Beispiel war es kein Apfelkuchen. Es war ein Erdbeerkuchen. Mein Opa hatte ihn extra für mich gebacken als ich einmal zu Besuch kam. Anstatt zum Zucker griff er aber zum Salz. Nein, der Kuchen war sicher nicht perfekt, doch die Absicht dahinter war so schön, dass ich mich noch heute darüber freue.

Hin und wieder hat man auch an sich selbst merkwürdige Ansprüche. Wir streben nach Perfektionismus, wollen schöner, besser, makellos, fehlerfrei werden. So hatte ich während des Studiums und noch lange Zeit danach an mich den Anspruch Vorträge fehlerfrei abzuspulen. Ein Hänger, eine kurze Pause, ein Verhaspeln, schrecklich! Komisch, als Zuhörerin hingegen mag ich humorvoll überspielte Pannen und selbst ein verlegenes Räuspern finde ich menschlich und sympathisch. Auch Pausen, die mir als Vortragende ewig vorkommen, genieße ich als Zuhörerin. Schließlich erwarte ich mir von einem guten Vortrag auch Neuigkeiten, die ich erst einmal verarbeiten und in meinen grauen Zellen unterbringen muss.

Feiern wir die Unvollkommenheit!

Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, über die ich in den vergangenen Wochen und Monaten gestolpert bin, doch unterm Strich käme immer raus: gerade Mängel und Unvollkommenheit machen Menschen, Momente und Dinge für mich erst perfekt. Jedenfalls finde ich Menschen mit Ecken und Kanten spannender als makellose Damen und Herren. Ich mag eine ungemähte Wiese oder einen freistehenden Baum. Ich möchte auch mich selbst nicht eingeengt fühlen. Ich kann mich nur weiterentwickeln und entfalten, wenn ich mich ausprobiere und hierfür brauche ich Freiräume. Auch brauche ich den Raum um Fehler zu machen. Nur wer nie etwas Neues ausprobiert wird auch nie Fehler machen.

Dies ist kein Aufruf zu Nachlässigkeit oder gar Gleichgültigkeit. Ich wünsche mir einfach mehr Gelassenheit, Spontanität, Freiräume für Kreativität. Mehr Mut Umwege zu gehen um Neues zu entdecken. Doch wünschen kann man sich viel. Daher verkünde ich hiermit meinen guten Vorsatz für 2019: ich werde ein bisschen weniger perfekt!

Ein Hoch auf die Unvollkommenheit und ein wunderschönes 2019!

Solltest Du mir einen Kommentar zu diesem Beitrag, eine Frage oder eine Anregung für weitere Beiträge hinterlassen wollen, freue ich mich darüber sehr.

Wir müssen reden …

 

Es macht keinen Sinn es zu leugnen, wir nähern uns dem Ende. Bereits nachmittags ist es draußen stockdunkel - hab ich mir sagen lassen. Kalt ist es auch. Die Menschen rennen hektisch durch die Straßen und alles sieht so festlich aus. Höchste Zeit auch für mich langsam auf Betriebstemperatur zu kommen. Also, hoch die Glühweintassen und einen Wunschzettel verfassen.

 

Bild vom Weihnachtsmarkt. Es ist bereits dunkel. Hinter mir der beleuchtete Glühweinstand. Ich schaue in die Kamera, Lieschen zieht es zum Glühweinstand
Grüße vom Glühweinstand!

Mein Wunsch

Ganz oben stehen natürlich Apfel, Nuss und Mandelkern. Ist klar, denn das essen brave Kinder gern. Als braves Kind, das ich zweifelsohne bin, möchte ich mich in diesem Jahr neben all den kleinen Aufmerksamkeiten auf einen einzigen Wunsch beschränken: lass uns reden!

 

Hinter dem Wunsch: lass uns reden, steckt die simple Bitte nach Informationen. Dabei geht es mir nicht zwingend um die Weitergabe weltbewegender Neuigkeiten oder bahnbrechender Erkenntnisse. Viel einfacher … und häufig doch scheinbar sehr schwer. Um etwas deutlicher zu machen was ich meine, ein paar Geschichten, die mein Alltag schreibt.

 

Geschichten über die Stille

Wer kennt Sie nicht, die Schlange an der Kasse. Egal, ob beim Bäcker, im Supermarkt, vor der Eisdiele oder in sonst einem Geschäft. Häufig ist sie schon da, die Schlange. Das bekomme ich in der Regel dadurch mit, dass sich die Menschen unterhalten oder sonst irgendwelche Geräusche machen, indem sie mit dem Einkaufszettel rascheln, husten, das Portemonnaie aus der Tasche kramen oder, oder, oder. Nur eines höre ich meist nicht, welcher dieser Geräuschmacher genau das Ende der Schlange bildet. Also frage ich. Dann gibt es grob zwei Situationen: entweder es ist plötzlich ruhig. Dort wo gerade noch die ganzen Geräusche waren ist es jetzt plötzlich still. In dieser Situation habe ich dann die Möglichkeit das Spiel mit zu spielen und in der Annahme, dass sich tatsächlich alle in Luft aufgelöst haben einfach vor in Richtung Kasse zu gehen. Dies erfordert jedoch einen sehr selbstbewussten Tag oder jede Menge angestauten Frust über die Stille. Die bessere Alternative: man antwortet mir. Ich weiß wo das Ende der Schlange ist und bitte freundlich mir zu sagen, wenn es weitergeht. Doch auch dies ist leider in den allermeisten Fällen nicht zielführend. In der Regel sagt man mir die ersten ein oder zwei Mal, dass es weitergeht, danach herrscht wieder gepflegtes schweigen

 

Habe ich es dann, wie auch immer, in der Schlange bis nach vorn geschafft, steht erneut eine Person vor der Herausforderung mit mir zu kommunizieren: die Verkäuferin. Klappt häufig, häufig sogar auch sehr gut. Es gibt viele, die mir geduldig das gesamte Angebot darlegen oder mich auf ein neues Angebot aufmerksam machen. Doch immer wieder passiert es auch mal, dass auch Verkäuferinnen mich nur erwartungsvoll anschauen. Das merke ich in der Regel natürlich erst dann, wenn vermutlich schon quälend lange Sekunden vergangen sind, da sie sich doch ein Herz fasst und mich anspricht oder ein weiterer Kunde zur Hilfe eilt und mir sagt, dass ich nun dran bin.

 

Die Stille setzt sich im Laufe des Tages fort, und zwar bevorzugt immer dann wenn ich jemanden anspreche und um Informationen bitte. Sei es eben morgens in der Schlange, mittags oder abends, auf der Straße, an der Straßenbahnhaltestelle.

Zwar weiß ich durch eine App, wann genau meine Straßenbahn kommt bzw. kommen soll. Sicherheitshalber frage ich jedoch vor dem Einsteigen immer noch einmal nach. Ich setze also einen Fuß in die Bahn und frage laut in die Runde welche Linie dies ist. Nicht immer, aber auch nicht selten herrscht auch dann Stille. Nehme ich mir ein Herz und steige dennoch ein, da ich mir fast sicher bin, dass dies die richtige Bahn ist, kommt es nicht selten vor, dass ich kaum eingestiegen auf einen anderen Fahrgast auflaufe. Ups, die Bahn ist doch einmal wieder stiller als leer.

 

In der Regel weiß ich natürlich, dass das Schweigen von den wenigsten meiner Mitmenschen böse Absicht ist. Manchmal ist es einfach die Tageszeit. Morgens an der Haltestelle oder beim Bäcker träumt mancher vielleicht noch von seinem weichen Kopfkissen. Hin und wieder sind Unsicherheiten und Berührungsängste im Spiel und manchmal auch Gedankenlosigkeit. Neulich erst stieg eine Frau aus der Bahn in die ich einsteigen wollte. Sie lachte als ich nach der Linie fragte und meinte, jetzt bin ich zwar mit dieser Bahn gefahren, ich weiß aber gar nicht welche Linie das ist. So ist das manchmal im Alltag. Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: sie hat kurz nachgeschaut, mir gesagt welche Linie es ist und wir haben uns lachend verabschiedet.

 

Weniger Stille, mehr Informationen!

Ich bin häufig auf Informationen angewiesen, da ich diese beispielsweise nicht über Anzeigetafeln erhalte. Ein Handzeichen oder Kopfnicken hilft mir aber auch nicht weiter. Daher mein Wunsch: lass uns reden!

Ein kleines Wort kann wirklich hilfreich sein und wenn es dazu noch freundlich ist, macht es den Tag auch ein wenig schöner. Unsicherheiten sind unnötig, denn ich bin über Informationen immer sehr dankbar und habe häufig ein Lächeln, auf jeden Fall aber immer ein Dankeschön übrig.

Umgekehrt darf man mich natürlich auch immer gerne um Informationen bitten. Zwar sind die Passanten, die mich auf der Straße um eine Wegbeschreibung bitten erst ein wenig irritiert, nachdem sie bemerkt haben, dass sie gerade eine blinde Frau gefragt haben, doch wenn ich den Weg kenne ist das ja kein Problem.

 

In diesem Sinne, ich wünsche für die Adventszeit ein wenig Ruhe für die schönen Dinge des Lebens und hin und wieder ein hilfreiches oder auch nur nettes Wort auf den Lippen!

 

Wenn Du einen Wunsch an mich und diesen Blog hast, eine Anmerkung oder Frage, dann kannst Du mich auch immer gerne darauf ansprechen oder in die Kommentare schreiben.