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Der April, der April, der macht was er will … und 2021 auch der Februar. Es war in diesem Monat alles dabei: Schneeberge, Matsch und 20 Grad Sonnenschein … und Home-Office. Da gibt es in den eigenen vier Wänden ordentlich was zu schruppen. Viel lieber würde ich darüber schreiben, wie es mir und Lieschen meinem Blindenführhund gelingt, all den Dreck in die Wohnung zu schleppen, denn das ist der weitaus spaßigere Teil. Doch es nutzt nix, der Dreck muss weg.
Heute also mal ein paar Servicetipps von einem Dreckspatz für Dreckspatzen.

Dreck, welcher Dreck?

Klar, ich könnte es mir einfach machen; Augen zu und durch. Doch das geht nur bis zu einem bestimmten Grad der Verschmutzung und der ist mit Hund doch sehr schnell erreicht. Es dauert nicht lange bis die Krümel unter den Füßen knirschen und sich Hundehaare ansammeln. Aber auch ich hinterlasse im Laufe des Tages so meine Spuren; und ich merke es durchaus, wenn die Arbeitsfläche in der Küche und der Küchentisch frei von Krümeln sind oder sich unter den Fingern Flecken vom Kochen breit machen. Auch so ein frisch geputztes Waschbecken fühlt sich unter den Fingern deutlich strahlender an.
Die weit verbreitete Meinung, dass blinde Menschen den Dreck nicht mitbekommen, ist zwar sehr verlockend … mag bei einigen vielleicht auch hinhauen … ist grundsätzlich aber leider falsch; zumindest für den Dreck, den man ertasten kann.

Zugegeben, hat man außer sich selbst und dem geliebten Vierbeiner noch einen Schmutzfink oder gar eine ganze Vogelschar in der Wohnung, wird es schon etwas herausfordernder. Denn ich kenne meine Dreckecken, weiß wo ich etwas verschüttet oder eventuell mit Chips gekrümelt habe.
Häufig hilft tatsächlich auch nur eine gewisse Grundsauberkeit durch regelmäßiges Putzen und putzen auf Verdacht … aber wie?

Der Dreck muss weg!

Um dem Dreck nun zu Leibe zu rücken, benötige ich das ein oder andere Putzmittel. Da fängt es also schon an. Welche Flasche ist nun wofür?
Okay, alter Hut, hier kennst du meine Tricks ja schon. Entweder ich merke es mir anhand der Flaschenform; hat diese einen Sprühkopf oder nicht … und falls ich eine Flasche gar nicht zuordnen kann, habe ich da immer noch meine App auf dem Smartphone, die mir auch bei verpackten Lebensmitteln beispielsweise die Beschriftung der Verpackung vorliest oder den Barcode scannt und so das Geheimnis lüftet. Mist, wieder keine Ausrede. Eimer, Wasser, das entsprechende Putzmittel, Lappen und los geht's!

Auf die zuvor schon angesprochenen Flächen, die ich gut ertasten kann, möchte ich nun nicht weiter eingehen. Was mache ich aber mit größeren Flächen? Lange Zeit war mir beispielsweise das Bodenwischen so ein Dorn im Auge. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich hier zuverlässig alles erwische. Daher half immer nur das mehrmalige Wischen … wenn ich mich schon aufraffe, dann soll's ja auch sauber sein.
Seit wenigen Tagen habe ich nun eine neue Untermieterin. Ich habe sie auf den Namen Lady getauft und in unserem Mietvertrag steht, dass ich sie regelmäßig auflade, dafür tobt sie sich als Saugwischer aus. Super Sache! Ich gehe jetzt also mit der Lady Bahn für Bahn, zugegeben nach wie vor auch zwei Mal, durch die Wohnung oder mal fix durch die Küche und Lady macht den Rest. Sie erkennt automatisch an welchen Stellen es etwas schmutziger ist und passt den Reinigungsgrad an. Doch noch besser, sie redet auch mit mir. Per Sprachassistent teilt sie mir mit wenn der Schmutzwasserbehälter geleert, das Reinigungsmittel nachgefüllt werden muss oder der Selbstreinigungsmodus ausgeführt werden sollte. So bleibt mir das Rätseln erspart, warum sie gerade piept oder auch einfach gar nix mehr tut. Und das aus meiner Sicht Beste an meiner Lady ist, dass sie nicht extra für blinde Menschen entwickelt wurde. Es gibt immer mehr technische Geräte, die auch über Apps auf dem Smartphone bedienbar sind. Eine wirklich sinnvolle Entwicklung und eben keineswegs nur eine Spielerei für Technikbegeisterte. Mehr davon!
Du kannst es vielleicht herauslesen: Mit der Lady und ähnlichen Helferlein macht mir das Putzen sogar ein wenig Spaß. Aber pssst, das sollte noch ein wenig unter uns bleiben. Mein Freund soll zumindest die Chance erhalten, diese Leidenschaft auch noch für sich zu entdecken.

Apropos Freund, ich gebe zu, ich bin nicht nur ein Dreckspatz, obendrein habe ich es auch wirklich gerne sauber. Daher verzichte ich nicht vollkommen auf die Hilfe sehender Mitmenschen. Manchmal genügt ein Tipp an welcher Stelle sich gerne Spinnweben bilden. Die kann man dann ja auf Verdacht mit einem Staubwedel entfernen. Manchmal ist es aber auch schön, wenn eine Reinigungskraft noch einmal gründlich in alle Ecken und über die für mich unsichtbaren Stellen geht … in der Zeit können Lieschen und ich dann wieder raus und für Nachschub sorgen.

Einen schönen März und viel Spaß beim rumsauen!

Ob Weihnachtsgans oder Kartoffelsalat, auch in diesem verrückten Jahr 2020 war zum Weihnachtsfest auf eines Verlass: Liebe geht durch den Magen. Also, auch wenn in diesem Jahr das oberste Gebot hieß Abstand von den Lieben halten, so blieb doch eine feste Konstante zum Fest der prall gefüllte Kühlschrank. Doch wie auch in den Jahren zuvor flogen aus dem Kühlschrank keine gebratenen Enten ... die Leckereien wollten vor der festlichen Völlerei erst noch zubereitet werden.

Lange schon möchte ich über das Thema Kochen schreiben. Schließlich habe ich für ein gutes Essen einiges übrig. Doch was soll ich darüber nur schreiben? Außer, dass bei mir das Auge nicht mitkocht, unterscheidet sich das Kochen bei mir … so meine ich jedenfalls … nicht wesentlich von dem was so manch Sehender am Herd tut. Aber warum sollte es auch?

Mein Grundrezept …

Ich nehme für eine warme Mahlzeit gerne Ideen aus dem Internet … klar, kennst du schon, dafür hab ich den Screenreader auf dem PC oder Smartphone, der mir alles vorliest.
Manchmal halte ich mich dann an ein einziges Rezept, ich mixe Rezepte oder wandle sie etwas ab und dann geht's los.

Ich sollte vielleicht vorausschicken: Ich koche, ich backe nicht, denn meine abgespeckte Variante zu Kochen verträgt sich vermutlich mit Kuchen und Co. nicht so gut. Nein, ich will nicht sagen, dass ich an Butter oder Sahne spare, wenn das Gericht es verlangt. Aber ich spare eindeutig an Hilfsmitteln.
Bevor ich Butter mit einer taktilen Küchenwaage abwiege oder Wein in einen taktilen Messbecher gieße, habe ich mit mehr oder auch weniger Gefühl bereits näherungsweise eine Menge abgeschätzt und untergerührt.

Meinem Gefühl hilft allenfalls mal ein Kaffeebecher auf die Sprünge, da ich ja weiß, dass dort so etwa 200 ml reinpassen … manchmal ist es ja vielleicht aber auch egal ob es 200 ml sind, da will ich einfach, dass zumindest die Verhältnisse der Zutaten zueinander ungefähr stimmen. War mein Gefühl nicht angemessen, lässt sich dies meist korrigieren und im schlimmsten Fall gewinne ich an Erfahrung. Wobei, ich behaupte jetzt einfach mal, so wirklich ungenießbar war es noch nie … und über so einen versalzenen Reis kann man sich ja auch einfach mal freuen. Ist er doch ein Zeichen dafür, dass ich verliebt bin.

Manchmal bediene ich mich aber tatsächlich an kleineren Tricks. So habe ich beispielsweise vor kurzem erst gelernt, dass man beim Kartoffelschälen Reste der Schale erfühlen kann, wenn man die geschälte Kartoffel mit Wasser abspült. Darüber hat sich mein Kartoffelstampf mindestens so sehr gefreut wie ich.

Auch für den zielsicheren Griff zu den "Chillischoten feuerscharf" habe ich gesorgt. Alle Gewürze und Zutaten, die nicht ohnehin schon in charakteristischen Verpackungen stecken, habe ich eine Beschriftung in Blindenschrift verpasst; und manchmal hilft auch eine App auf dem Smartphone, welche den Barcode scannt oder mir den Aufdruck auf der Verpackung vorliest. Also, so ein bisschen Struktur verträgt auch mein kreatives Chaos.

Nachschlag …

Jetzt muss man aber auch ganz ehrlich noch hinzufügen, dass diese abgespeckte Variante des Kochens eindeutig etwas mit mir als Typ zu tun hat … also unabhängig davon ob ich sehen kann oder nicht. Ich lebe regelmäßig mit kleineren Brandverletzungen von Herd und Ofen ganz gut, werde mich aber wohl nie daran gewöhnen, mir Ofenhandschuhe zurechtzulegen; genauer: daran zu denken mir diese zurecht zu legen, dies dann auch tatsächlich zu tun und mir dann auch noch über zu streifen, bevor ich einfach nur mal kurz die Auflaufform aus dem Backofen hole.

Und trotz allem bin ich immer wieder begeistert, wenn ich mir die Kataloge von Hilfsmittelfirmen anschaue, was es da alles an praktischen Helfern gibt. Nur warum sollten sie meine Schränke füllen, wenn ich sie doch nicht benutze. Aber einen Blick in die Online-Kataloge kannich tatsächlich nur empfehlen und vielleicht findet sich da ja auch mal ein Geschenk für die Oma mit den alternden Augen, mit der man hoffentlich bald mal wieder zusammen Plätzchen backen kann. In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Kochen, eine ordentliche Portion Gesundheit für den Jahreswechsel und jede Menge Gelegenheiten im neuen Jahr wieder gemeinsam mit den Lieben zu schlemmen!

P.S. Wer Tipps für die oben angesprochenen Hilfsmittelkataloge möchte, kann mich gerne kontaktieren.

Für den heutigen Beitrag habe ich mir Unterstützung geholt. Darf ich vorstellen: Stefan.
Stefan sieht was, was ich nicht sehe. Wie viel kann ich gar nicht genau sagen, denn so wirklich gut sieht er auch nicht. Aber er hat noch einen Sehrest und mir gegenüber damit einen klaren Vorteil. Wirklich?
Ich nehme die wenig überraschende Antwort mal wieder vorweg: Klar, ein Sehrest schadet nicht. Die Vorteile liegen auf der Hand. Ein klarer Vorteil muss es aber nicht unbedingt immer sein … behaupte ich.

Es werde Licht, bitte!

Gerade erst haben wir die Uhren umgestellt -eine Stunde zurück. Für mich bedeutet das eine Stunde länger schlafen. Für Stefan heißt es aber auch, dass die Tage wieder kürzer werden und er den Arbeitsweg in der Dämmerung oder ganz im Dunkeln zurücklegen muss. Für ihn bedeutet dies "eine weitere Herausforderung in der Mobilität und Orientierung".

So beklagt Stefan beispielsweise die schlechte Beleuchtung der Fußgängerwege auf seinem Arbeitsweg. Wohingegen ich nicht sagen kann, ob es auf meinem Arbeitsweg überhaupt Straßenlaternen gibt… und wenn es welche gibt, dann finde ich sie eher hinderlich, denn wenn ich sie mitbekomme,  heißt dies,dass ich dagegengelaufen bin.
Aber im Ernst, dunkel kann ich mich auch noch an die Jahre erinnern, in denen mich meine Nachtblindheitin der Mobilität beeinträchtigt hat. Heute macht es für mich praktisch kaum einen Unterschied, ob ich am Tag oder in der Nacht unterwegs bin. Außer vielleicht, dass nachts alles etwas ruhiger ist -zumindest in Halle, einer Stadt, die auch mal schläft.
Stefan hingegen bewältigt seine alltäglichen Wege bisher meist ohne Hilfsmittel. Bei Dunkelheit oder in der Dämmerung ist es inzwischen aber alles andere als traumhaft. Dann geht es plötzlich ohne den weißen Langstock nicht mehr. Sich dies selbst einzugestehen ist aber nicht so einfach; und auch das Gehen mit dem Stock will geübt sein. Doch die Einsicht ist bei Stefan inzwischen da und er übt fleißig mit einem Orientierungs- und Mobilitätstrainer; zum einen zu seiner eigenen Sicherheit, aber auch in der Hoffnung mehr Rücksichtnahme bei anderen Verkehrsteilnehmern zu erreichen … und damit sind wir auch bei einem zweiten, aus unserer Sicht, großen Unterschied: die Kommunikation mit anderen Menschen über den zum Teil noch vorhandenen oder eben auch nicht vorhandenen Sehrest.

Eine blinde Frau ein Satz, ein sehbehinderter Mann …

Stefan erzählte mir, dass er nur noch Teile des unteren Gesichtsfeldes nutzen kann und man sagte ihm, dass auch dies nicht mehr deutlich wäre.
Auch daran kann ich mich noch gut erinnern. Als ich noch einen Sehrest hatte, spielte ich mit meiner Mutter im Auto häufig Straßenschilder erkennen. Sie sagte wann sie das Schild sah und ich kam dann irgendwann hinterher wie die alte Fastnacht … und trotzdem forderte ich sie immer wieder heraus … ich wollte gerne wissen was ich nicht sehe, denn für mich war das was ich sah ja normal. Wenn es aber für mich normal ist, wie erkläre ich einem anderen Menschen, was ich sehe und vor allem was nicht?

Angenommen Stefan kann nun aber gut erklären was er sieht und was nicht, dann gibt es immer noch einen Unterschied, ob er sich in bekannter Umgebung befindet, die Lichtverhältnisse gut sind und er einen guten Tag erwischt hat … oder eben auch nicht. Von all diesen Faktoren und von noch viel mehr hängt es also ab, in welches Fettnäpfchen er tritt oder über welches Hindernis er fällt, ob er den Kollegen grüßt oder eben auch mal nicht … und das lässt sich unmöglich eben mal so kurz und unmissverständlich erklären wie: Ich sehe nix, Null Komma Nüscht!

Auch der Mund-Nasen-Schutz, also die Alltagsmaske, erklärte mir Stefan, erschwert ihm das Sehen. Sie verdeckt zum Teil den Ausschnitt des unteren Gesichtsfeldes, also genau des Fensters, durch das er noch gucken kann.
Als er mir dies so erklärte, leuchtete es mir sofort ein. Doch davon hatte ich auch zum ersten Mal gehört … und so wird einem jeder Sehbeeinträchtigte von anderen Schwierigkeiten berichten können. Kennste also Einen, kennste noch lange nicht alle!

Bist du neugierig geworden? Beim Online-Spiel "Zug in Sicht" kannst du erleben, wie sich unterschiedliche Seheinschränkungen auswirken:
https://www.woche-des-sehens.de/spiel

Gummistiefel und ein nasser Hund, ganz klar, es ist Herbst ... Doch nicht nur draußen vor der Tür, auch mein Lieschen hat den Herbst des Lebens erreicht und genau darum geht es heute: Lieschen, meinen alternden Führhund und was so ein Altweibersommer auch alles Neues mit sich bringt.

Während der heißen Sommertage musste ich endgültig akzeptieren, dass mein vierbeiniger Wirbelwind inzwischen deutlich gealtert ist.
So lange ist es noch gar nicht her, da war das Leben mit Lieschen neu und aufregend. Wenngleich es mit ihr immer aufregend geblieben ist, so spielte sich doch recht bald alles ein und jetzt beherrscht seit ein paar Monaten das Thema alternder Hund meine Gedanken. Viele Fragen gingen und gehen mir durch den Kopf: Wie lange kann sie als Führhund arbeiten; merke ich auch wirklich, wenn es ihr zu viel wird, und was dann?
Wie genau ich all die Detailfragen für mich beantwortet habe, darauf werde ich in einem späteren Beitrag eingehen. Heute soll es um die alles entscheidende Frage gehen und die damit verbundenen jüngsten Ereignisse.

Der Herbst meines Hundes und dann?

Eines stand für mich schon immer fest, auch wenn Lieschen nicht mehr als Führhund arbeiten kann, ich gebe sie nicht weg … jedenfalls nicht, so lange ich ihren Bedürfnissen gerecht werden kann. Noch ist es nicht so weit, dass ich sie aus dem Dienst nehme, doch dass sie alt wird, ist inzwischen keine graue Theorie mehr. Also, aller höchste Zeit die Wege für unsere gemeinsame Zukunft zu ebnen. Eine altersgerechte, stufenlos erreichbare Wohnung muss her.

Nicht, dass der Tierarzt auf meine Frage hinsichtlich einer Erdgeschosswohnung zur Eile geraten hätte, doch irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er im Fall der Fälle mein Lieschen vermutlich nicht die Treppen rauf und runter tragen würde; und auch ich werde sie nicht tragen können. Hinzu kommt, dass ich ja auch noch so ein paar Wünsche an unser neues Heim hatte. Also, warum warten bis sich der Herbst dem Ende neigt.

Unser Umzug in die Altersresidenz

Die Wohnung war schnell gefunden - Internetrecherche, ein Besichtigungstermin und Volltreffer, alles passt! Etwa neun Wochen später sitze ich nun also auf dem alten Sofa, in der neuen Wohnung und schreibe diesen Blogbeitrag.
Klingt entspannt? War es auch … irgendwie; irgendwie aber auch nicht. Dabei denke ich weniger an das Packen der Kartons und den Umzug selbst. Dies war nicht mehr oder weniger stressig als für jeden anderen auch - behaupte ich. Zwar hörte ich häufig, dass es für mich bestimmt anstrengender sein muss, doch dabei wird immer vergessen, dass nichts sehen für mich normal ist. Ich greife täglich blind in meine Schränke, verbreite Chaos und beseitige es wieder. Außerdem kenne ich meine Wohnung und dann waren da auch noch die netten Männer vom Umzugsunternehmen, die alles sicher in die neue Wohnung transportierten.

Während ich also im Alltag, mit meinem Hab und Gut, ganz gut zurechtkomme, war dies bei der Wohnungssuche und der Einrichtung der Wohnung mit neuen Möbeln plötzlich ganz anders. Ständig war ich auf Hilfe angewiesen. Nicht bei der Internetrecherche. Als aufmerksamer Leser dieses Blogs kennst du ja schon den Screenreader und wie ich mit dem Computer arbeite - Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Arbeit und Inklusion!. Du weißt aber auch, dass meine Technik bei Bildern an Grenzen stößt - Bilder sprechen lassen!.

Sobald ich also eine Wohnung gefunden hatte, die laut Beschreibung meinen Wünschen gerecht wurde, benötigte ich jemanden, der mir die dazugehörigen Bilder beschrieb; auch bei der Wohnungsbesichtigung. Doch dabei genügt es nicht, dass jemand einfach nur gucken kann. Worauf achtet er oder sie? Das hat weniger etwas mit Vertrauen zu tun als vielmehr damit, dass es einfach unterschiedliche Ansprüche gibt und alles kann man im Vorfeld einfach nicht absprechen.
Und ist die Wohnung gefunden, fängt es ja auch erst an. Selbst wenn man  keine neuen Möbel möchte, so gibt es doch viele Dinge, die neu angeschafft werden müssen: Vorhänge, eventuell ein neues Regal, eine Garderobe … und nein, auch wenn man nichts sieht, genügt es nicht einfach nur eine Garderobe zu haben oder irgendwelche Vorhänge. Mir genügt es nicht! Aber auch das weißt du ja schon. Ich habe meine Vorstellungen, Wünsche, Erinnerungen an Farben - Blind Date mit den Tierchen, die nachts die Kleider enger nähen – Lösung: Shoppen!.

Bei aller Vorfreude auf die neue Wohnung musste ich also feststellen, dass ich doch nicht so Selbstständig bin und so selbstbestimmt agieren kann, wie ich immer dachte. Das war ein dicker Kloß, den ich zu schlucken hatte. Für faule Kompromisse war ich aber auch nicht bereit und so kam mir nach ein paar Tagen die Idee: Ich suche mir eine Innenarchitektin ... gedacht, getan.
Auch wenn ich immer noch viel lieber selbst in Zeitschriften oder im Internet, in Einrichtungshäusern und auf Flohmärkten gestöbert hätte, es war eine gute Entscheidung. Bereits beim Erstgespräch fühlte ich mich mit meinen Wünschen voll und ganz verstanden, und jetzt sitze ich also in meiner Wohlfühlwohnung auf der Couch, an der Wand gegenüber hängen Bilder mit Urlaubserinnerungen und ich freue mich auf einen schönen, langen Winter mit meinem Lieschen.





Bilder sprechen lassen!

Bilder sagen mehr als tausend Worte, und das ist ja auch der Grund, weshalb wir sie beispielsweise in sozialen Netzwerken und über Messenger-Dienste so gerne teilen. Das süße Hunde-Foto, die spektakuläre Aussicht oder das Silvestermenü - das muss man einfach gesehen haben!
Nein, nicht unbedingt. Bilder muss man nicht zwingend sehen, man kann sie auch hören. Hören? Pssst, wenn Du mal gaaanz leise bist ...
Okay, ganz so einfach funktioniert es natürlich nicht. Sie sprechen nicht von selbst. Wir müssen sie sprechen lassen.

Trauriges nachdenkliches Gesicht

Die meisten Fotos, die in den sozialen Netzwerken, also beispielsweise bei Facebook geteilt werden, sprechen leider nicht mit mir. Egal, ob süßes Hunde-Foto, spektakuläre Aussicht oder Silvestermenü, meine Sprachausgabe sagt meist nur: "Keine Fotobeschreibung verfügbar“.
Dies liegt daran, dass der Screenreader, also die Software, die den Bildschirm ausliest und mir in Sprache oder Brailleschrift wiedergibt, nur Text erkennt.
Doch Vorsicht, wenn ein Text abfotografiert wurde, so ist dies letztendlich auch nur ein Bild. Die schön gestaltete Menükarte, die Dir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, hinterlässt bei mir auch nur Fragezeichen. In diesem Fall verrät mir meine Sprachausgabe nämlich auch nur: "Bild könnte enthalten Text" … genau hierin liegt aber auch die Lösung.

Grinsendes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen

Emojis, wie das traurige, nachdenkliche Gesicht oder das grinsende Gesicht mit zusammengekniffenen Augen, werden mir von der Sprachausgabe vorgelesen … sie sprechen mit mir. Auch deine Fotos können das, und zwar mit Hilfe des so genannten Alternativtextes.

Wenn Du also beispielsweise bei Facebook ein Foto teilst, klicke einfach auf Foto bearbeiten und dann auf Alternativtext. Hier gibst Du eine kurze Bildbeschreibung ein und fertig. Ein grinsendes, zumindest aber ein lächelndes Gesicht meinerseits ist Dir sicher, denn ab sofort heißt es nicht mehr "Keine Fotobeschreibung verfügbar".
Hin und wieder kommt es auch vor, dass bereits automatisch ein Alternativtext erstellt wurde. Wenn also ein Programm im Hintergrund dein Silvestermenü als Essen erkennt, steht im Eingabefeld für den Alternativtext bereits "Essen", und meine Sprachausgabe verrät mir: "Foto enthält Essen". Wenn Dir diese Beschreibung nicht genügt, kannst Du den Alternativtext auch jederzeit ändern oder ergänzen. Doch mach es nicht zu kompliziert … und keine Scheu, eine kurze Beschreibung ist besser als keine!

Nun also ran an den Speck, fotografieren, hochladen, Alternativtext einfügen … Happy New Year!

Wir stecken wieder einmal mitten drin, im November-Grau. Nebel vermindert die Sicht und das nass-kalte Wetter schlägt aufs Gemüt. Stopp! Kein Grund zu verzweifeln, ich weiß da was … und in Sachen schlechter Sicht kenne ich mich ja schließlich aus. Also pass auf: wir holen uns jetzt beide eine Tasse mit einem duftenden Heißgetränk und wahlweise auch ein oder zwei Kekse. Damit ab auf die Couch, unter eine kuschelige Decke und gaaanz tief eintauchen in eine berührende Geschichte.

Schon als Kind liebte ich Geschichten. Von Astrid Lindgrens "Kinder von Bullerbü" und "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler konnte ich nicht genug bekommen; na klar, und "Die kleine Raupe Nimmersatt". Diese Bücher stehen noch heute in meinem Regal. Schöne Kindheitserinnerungen, die mich sehr berührt haben.

Einfühlsam dank Louis!

Die Begeisterung, sich in fantastische Geschichten einzufühlen, in historische Romane oder in Krimis einzutauchen, ist mir geblieben. Nur heute fühle ich noch einmal auf eine ganz andere Art: ich ertaste sie Punkt für Punkt. Daher nennen wir diese Schrift auch Punktschrift, Blindenschrift oder nach ihrem Entwickler Louis Braille: Brailleschrift.

Sicher hast Du solch eine Ansammlung von Punkten schon einmal gesehen und dich vermutlich gefragt, wie man daraus eine Geschichte oder sonst einen sinnvollen Text ertasten kann. Geht, dank Louis Braille. Aus nur sechs Punkten entwickelte er ein System, mit dem sich jeder Buchstabe des Alphabets und noch viele weitere Zeichen darstellen lassen. Stell dir einfach einen Eierkarton für sechs Eier vor. Du hast jetzt also jeweils zwei Eier nebeneinander und drei Eier untereinander. Je nachdem welche Eier du nun entnimmst, erzeugst du einen Buchstaben, ein Satzzeichen oder auch eine Kombination mehrerer Buchstaben. Es gibt nämlich nicht die eine Blindenschrift. Wir unterscheiden eine Basisschrift, eine Vollschrift, eine Kurzschrift, Computerbraille oder beispielsweise auch eine Schrift für Mathe, eine Notenschrift für Musiknoten ... nur Sesambrötchen folgen keiner Systematik und liefern daher auch leider keine Kurzgeschichten.

Ich will es nicht zu kompliziert machen. Daher nur so viel: In der Basisschrift bildet jede Kombination aus den zuvor genannten sechs Eiern, also Punkten, einen Buchstaben ab. Die meisten Bücher in Brailleschrift sind jedoch in Kurzschrift gedruckt. Hier werden Lautgruppen, Silben oder auch ganze Worte durch nur ein oder zwei Zeichen dargestellt. Das Wort Blindenschrift beispielsweise besteht aus nur fünf Zeichen. Damit erhöht sich dann auch, jedenfalls nach intensivem Üben, die Lesegeschwindigkeit. Klar, fünf Zeichen sind mit dem Finger schneller erfasst als 14 Zeichen - so viele Buchstaben hat das Wort Blindenschrift nämlich.

Wenn Du einmal sehen möchtest, wie dein Name in Brailleschrift aussieht, dann schau mal hier: https://www.woche-des-sehens.de/infothek/zum-selbsterleben/braille-simulator

Einfühlsam geht auch anders!

Einen Nachteil haben Bücher in Brailleschrift allerdings. Sie sind, auch in Kurzschrift, sehr unhandlich. Ein Taschenbuch füllt schnell mal zwei Ordner. Das liegt unter anderem an der Größe eines Zeichens und an dem dickeren Papier. Das ist auch der Grund, weshalb ich jetzt gestehen muss, dass ich zu Beginn etwas geflunkert habe. Ich lese keine Bücher in Brailleschrift. Mit so einem Ordner lässt es sich einfach nicht so bequem auf der Couch herumlümmeln.
Meinen Einkaufszettel mit den Keksen und dem Tee, den schreibe ich aber tatsächlich immer in Brailleschrift. In diesem Fall haben die Pünktchen nämlich einen echten Vorteil: sie lassen sich wegkratzen. Also sind die Kekse im Einkaufswagen, kratze ich sie von der Einkaufsliste. So behalte ich immer den Überblick und vergesse nichts.

Wenn ich in Geschichten eintauche, dann greife ich auf Hörbücher zurück. Nur was hätte ich über Hörbücher schon spannendes schreiben können. Die sind inzwischen ja absolut kein Nischenprodukt mehr. Aber einen kleinen Tipp habe ich in Sachen Hörbücher zum Abschluss vielleicht noch. Du siehst selbst nicht gut, oder Du kennst jemanden: Blinde und sehbehinderte Menschen können bei Blindenhörbüchereien kostenlos Hörbücher ausleihen. Aber auch Zeitschriften und Wochenzeitungen bekommt man dort.

So, nun bleibt mir nur noch, dir eine gute Zeit mit vielen tollen Büchern zu wünschen; und wenn Du noch Fragen hast - zur Brailleschrift oder den Blindenhörbüchereien, dann schreib mir einfach in den Kommentaren. Gerne darfst Du mir dort auch Lesetipps hinterlassen!

"Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm!" Genau das ist auch der Grund, weshalb ich immer artig antworte, wenn mich wieder einmal jemand an der Straßenbahnhaltestelle, beim Gassi gehen oder sonst irgendwo anspricht und mich über mein Leben ausfragt. Nun möchte ich mir nicht anmaßen, all diejenigen als dumm zu bezeichnen, die das Leben mit Blindheit nicht kennen. Eine gewisse Unwissenheit ist ja aber nicht von der Hand zu weisen.

Woher soll man als Otto oder Ottilie Normalverbraucher aber auch wissen, wie das Leben ohne Augenlicht so ist. Als ich mit 13 Jahren sehbehindert wurde, hatte ich auch keine Vorstellung davon. Ich kannte außer meiner Uroma und meinem Opa keine blinden oder sehbehinderten Menschen. Sie wachsen ja nicht auf den Bäumen, und auch im Kindergarten oder in der Schule bin ich keinem blinden Kind begegnet. Das mag sich inzwischen ein wenig, ein ganz kleinwenig gewandelt haben, und doch gibt es täglich die Situation, dass ich Blicke auf mich ziehe, Kinder fragen, was denn mit der Frau sei oder ich eben auch direkt angesprochen werde.

Wieso, weshalb, warum?

Keine Frage, ich bin anders … und doch wieder nicht; und an manchen Tagen würde ich mir wünschen, auch einfach nur mal ganz normal zu sein. Aber was ist schon normal? Ich habe zwei Arme, zwei Beine und die Nase mitten im Gesicht. Im Gegensatz zu Frühaufstehern breche ich nicht jeden Morgen in Jubel aus, wenn mich der Wecker aus meinen Träumen reißt; und ich mag Schokolade … und doch steht häufig eben dieses kleine Detail zwischen mir und all den Langschläfern und Schoko-Junkies. Damit entstehen dann auch immer wieder diese Fragen: woher weißt Du wie spät es ist, welche Schokolade Du gerade aus dem Monatsvorrat erwischt hast …?

Vieles in meinem Leben ist gar nicht so spektakulär anders. Manches mache ich eben nur etwas anders und für vieles gibt es Hilfsmittel oder ich habe so meine Tricks. Hin und wieder muss ich auch um Hilfe bitten. Während du also auf deine Uhr schaust, habe ich eine taktile Armbanduhr oder einen sprechenden Wecker. Meist greife ich aber auf meinen ständigen Begleiter zurück, das iPhone. Dank der Sprachausgabe VoiceOver kann ich mir die Uhrzeit ansagen lassen oder die Wecker-App bedienen; und über verschiedene Apps kann ich den Barcode der Schokolade einscannen, um mir dann die entsprechenden Informationen ansagen zu lassen. Wenn allerdings ein neuer Monatsvorrat fällig wird, bitte ich im Supermarkt eine freundliche Verkäuferin um Hilfe. Bis ich nämlich alle Regale durch bin und jedes Produkt einmal in der Hand hatte, ist vermutlich der Monat auch schon wieder um.

Foto: Taktile Armbanduhr mit geöffnetem Deckel. Mein rechter Zeigefinger ertastet die Uhrzeit.

Wer nicht fragt, bleibt dumm!?

Ich glaube es ist wichtig, auf all diese Fragen einzugehen; und meine Erfahrung zeigt: je mehr Unwissenheiten abgebaut werden, desto mehr kann ich als Person in den Vordergrund rücken. Daher gehe ich beispielsweise auch als Vorlesepatin in Kindergärten und Grundschulen. Neben einer Geschichte habe ich dann auch immer Zeit für Fragen im Gepäck; und wenn ein kleines Mädchen fragt, wie ich das auf dem Klo mache, beantworte ich auch das.

Leider stoße ich hin und wieder auch an Grenzen. Erst vor wenigen Tagen wurde ich mal wieder auf der Straße gefragt, wie ich mit der Blindheit zurechtkomme. Harter Einstieg in ein Gespräch, wenn man jemanden überhaupt nicht kennt. Schwamm drüber. Wir unterhielten uns einige Minuten und ich versicherte, dass ich ganz gut zurechtkomme. Lieschen, mein Blindenführhund, wedelte auch begeistert mit dem Schwanz. Das Gespräch endete dennoch damit, dass man ein Gebet für mich sprach und darum bat, dass ich wieder sehen kann. Ich bete eigentlich nicht. An diesem Abend habe ich jedoch ebenfalls ein Gebet gesprochen und zwar für weniger Engstirnigkeit, mehr Vielfalt und Toleranz.

Also, bleib neugierig und wenn Du Fragen an mich hast, kannst Du mir diese gerne in den Kommentaren hinterlassen. Denn wir wissen ja alle noch aus der Sesamstraße: "1000 tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen."