Wir müssen reden …

 

Es macht keinen Sinn es zu leugnen, wir nähern uns dem Ende. Bereits nachmittags ist es draußen stockdunkel - hab ich mir sagen lassen. Kalt ist es auch. Die Menschen rennen hektisch durch die Straßen und alles sieht so festlich aus. Höchste Zeit auch für mich langsam auf Betriebstemperatur zu kommen. Also, hoch die Glühweintassen und einen Wunschzettel verfassen.

 

Bild vom Weihnachtsmarkt. Es ist bereits dunkel. Hinter mir der beleuchtete Glühweinstand. Ich schaue in die Kamera, Lieschen zieht es zum Glühweinstand
Grüße vom Glühweinstand!

Mein Wunsch

Ganz oben stehen natürlich Apfel, Nuss und Mandelkern. Ist klar, denn das essen brave Kinder gern. Als braves Kind, das ich zweifelsohne bin, möchte ich mich in diesem Jahr neben all den kleinen Aufmerksamkeiten auf einen einzigen Wunsch beschränken: lass uns reden!

 

Hinter dem Wunsch: lass uns reden, steckt die simple Bitte nach Informationen. Dabei geht es mir nicht zwingend um die Weitergabe weltbewegender Neuigkeiten oder bahnbrechender Erkenntnisse. Viel einfacher … und häufig doch scheinbar sehr schwer. Um etwas deutlicher zu machen was ich meine, ein paar Geschichten, die mein Alltag schreibt.

 

Geschichten über die Stille

Wer kennt Sie nicht, die Schlange an der Kasse. Egal, ob beim Bäcker, im Supermarkt, vor der Eisdiele oder in sonst einem Geschäft. Häufig ist sie schon da, die Schlange. Das bekomme ich in der Regel dadurch mit, dass sich die Menschen unterhalten oder sonst irgendwelche Geräusche machen, indem sie mit dem Einkaufszettel rascheln, husten, das Portemonnaie aus der Tasche kramen oder, oder, oder. Nur eines höre ich meist nicht, welcher dieser Geräuschmacher genau das Ende der Schlange bildet. Also frage ich. Dann gibt es grob zwei Situationen: entweder es ist plötzlich ruhig. Dort wo gerade noch die ganzen Geräusche waren ist es jetzt plötzlich still. In dieser Situation habe ich dann die Möglichkeit das Spiel mit zu spielen und in der Annahme, dass sich tatsächlich alle in Luft aufgelöst haben einfach vor in Richtung Kasse zu gehen. Dies erfordert jedoch einen sehr selbstbewussten Tag oder jede Menge angestauten Frust über die Stille. Die bessere Alternative: man antwortet mir. Ich weiß wo das Ende der Schlange ist und bitte freundlich mir zu sagen, wenn es weitergeht. Doch auch dies ist leider in den allermeisten Fällen nicht zielführend. In der Regel sagt man mir die ersten ein oder zwei Mal, dass es weitergeht, danach herrscht wieder gepflegtes schweigen

 

Habe ich es dann, wie auch immer, in der Schlange bis nach vorn geschafft, steht erneut eine Person vor der Herausforderung mit mir zu kommunizieren: die Verkäuferin. Klappt häufig, häufig sogar auch sehr gut. Es gibt viele, die mir geduldig das gesamte Angebot darlegen oder mich auf ein neues Angebot aufmerksam machen. Doch immer wieder passiert es auch mal, dass auch Verkäuferinnen mich nur erwartungsvoll anschauen. Das merke ich in der Regel natürlich erst dann, wenn vermutlich schon quälend lange Sekunden vergangen sind, da sie sich doch ein Herz fasst und mich anspricht oder ein weiterer Kunde zur Hilfe eilt und mir sagt, dass ich nun dran bin.

 

Die Stille setzt sich im Laufe des Tages fort, und zwar bevorzugt immer dann wenn ich jemanden anspreche und um Informationen bitte. Sei es eben morgens in der Schlange, mittags oder abends, auf der Straße, an der Straßenbahnhaltestelle.

Zwar weiß ich durch eine App, wann genau meine Straßenbahn kommt bzw. kommen soll. Sicherheitshalber frage ich jedoch vor dem Einsteigen immer noch einmal nach. Ich setze also einen Fuß in die Bahn und frage laut in die Runde welche Linie dies ist. Nicht immer, aber auch nicht selten herrscht auch dann Stille. Nehme ich mir ein Herz und steige dennoch ein, da ich mir fast sicher bin, dass dies die richtige Bahn ist, kommt es nicht selten vor, dass ich kaum eingestiegen auf einen anderen Fahrgast auflaufe. Ups, die Bahn ist doch einmal wieder stiller als leer.

 

In der Regel weiß ich natürlich, dass das Schweigen von den wenigsten meiner Mitmenschen böse Absicht ist. Manchmal ist es einfach die Tageszeit. Morgens an der Haltestelle oder beim Bäcker träumt mancher vielleicht noch von seinem weichen Kopfkissen. Hin und wieder sind Unsicherheiten und Berührungsängste im Spiel und manchmal auch Gedankenlosigkeit. Neulich erst stieg eine Frau aus der Bahn in die ich einsteigen wollte. Sie lachte als ich nach der Linie fragte und meinte, jetzt bin ich zwar mit dieser Bahn gefahren, ich weiß aber gar nicht welche Linie das ist. So ist das manchmal im Alltag. Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: sie hat kurz nachgeschaut, mir gesagt welche Linie es ist und wir haben uns lachend verabschiedet.

 

Weniger Stille, mehr Informationen!

Ich bin häufig auf Informationen angewiesen, da ich diese beispielsweise nicht über Anzeigetafeln erhalte. Ein Handzeichen oder Kopfnicken hilft mir aber auch nicht weiter. Daher mein Wunsch: lass uns reden!

Ein kleines Wort kann wirklich hilfreich sein und wenn es dazu noch freundlich ist, macht es den Tag auch ein wenig schöner. Unsicherheiten sind unnötig, denn ich bin über Informationen immer sehr dankbar und habe häufig ein Lächeln, auf jeden Fall aber immer ein Dankeschön übrig.

Umgekehrt darf man mich natürlich auch immer gerne um Informationen bitten. Zwar sind die Passanten, die mich auf der Straße um eine Wegbeschreibung bitten erst ein wenig irritiert, nachdem sie bemerkt haben, dass sie gerade eine blinde Frau gefragt haben, doch wenn ich den Weg kenne ist das ja kein Problem.

 

In diesem Sinne, ich wünsche für die Adventszeit ein wenig Ruhe für die schönen Dinge des Lebens und hin und wieder ein hilfreiches oder auch nur nettes Wort auf den Lippen!

 

Wenn Du einen Wunsch an mich und diesen Blog hast, eine Anmerkung oder Frage, dann kannst Du mich auch immer gerne darauf ansprechen oder in die Kommentare schreiben.

 

 

Hund sucht Zebra

 

Stopp, ich möchte keine falschen Erwartungen wecken. Dies ist keine Kontaktanzeige. Ich möchte meinen Stinki nicht loswerden. Vielmehr ist es eine kleine Liebeserklärung und ein Einblick was so ein Blindenführhund alles kann - schließlich war am 10. Oktober Welthundetag.

 

Lisa, Lieschen, Stinki oder Stinker habe ich schon in anderen Beiträgen erwähnt. Klar, sie ist ja auch meist an meiner Seite. Daher wird es auch Zeit einmal genauer zu schreiben, wie das Leben mit ihr so aussieht. Kurz und knapp: fröhlich und verfressen.

Links im Bild steht ein Engel aus Holz. Rechts daneben liegt Lisa und schaut ind die Kamera. Sie hat ihren Hundeblick aufgesetzt
Der Schein trügt, der Engel ist links im Bild.

 

Lisa ist ein schokobrauner Labrador. Damit ist klar, in unserem Haushalt spielt die Nahrungsaufnahme eine wichtige Rolle. Entsprechend ihrer Rasse springt sie aber auch in jede Pfütze und nach einer Abkühlung im Brunnen oder See wird dann aus Lisa Stinker. Aber dies ist ja keine Kontaktanzeige, daher komme ich nun besser zu dem, was sie als Blindenführhund auszeichnet.

 

Lisas Ausbildung begann, wie bei den meisten Blindenführhunden, mit einem Jahr und dauerte ca. sechs Monate. In dieser Zeit lernen die Vierbeiner eine Menge.

 

Hindernisse anzeigen und umgehen

Blindenführhunde lernen in der Ausbildung Hindernisse anzuzeigen und zu umgehen. Das Besondere dabei ist, dass sie nicht nur das als Hindernis erkennen, was ihnen selbst im Weg steht, sondern vor allem auch für denjenigen problematisch werden kann, den sie führen. Das heißt einen Ast, der auf einer Höhe von 1,50 Metern in den Weg ragt, unterläuft ein Hund lässig. Ich hätte diesen Ast jedoch im Gesicht. Noch unangenehmer wird es, wenn man den Spiegel eines LKWs oder ein Verkehrsschild küsst.

Mit einem Blindenstock bekommt man nur die Hindernisse mit, die am Boden lauern. In der Zeit vor Lisa habe ich daher auch immer gerne mal Autos unterlaufen. Je nach Geschwindigkeit, mit der ich so unterwegs war, habe ich mir dann den Stock mehr oder weniger heftig in den Bauch gerammt. Das soll nicht heißen, dass ich mit dem Stock nicht zurechtkam. Vor Lisa war ich 15 Jahre mit Stock unterwegs und kam ohne größere Unfälle überall an, doch ein Blindenstock kann eben vieles nicht, was ich heute an Lisa schätze. Aber daran musste ich mich auch erst einmal gewöhnen. In der ersten Zeit haben wir uns regelmäßig verlaufen, da ich mit Lisa auf ganz andere Signale achten muss als mit Stock. Orientierte ich mich beispielsweise früher an einem Fahrradständer, gegen den ich zuverlässig mit dem Stock stieß, so erkennt Lisa diesen als Hindernis und umläuft ihn.

 

"Umwege erweitern die Ortskenntnis."
(Kurt Tucholsky)

Kommandos wie "Such Zebra!"

Blindenführhunde lernen während der Ausbildung aber auch eine ganze Menge an Kommandos. Dazu gehören Richtungsangaben wie links, rechts oder gerade aus. Auf ein entsprechendes Kommando hin führt sie mich auch zur Treppe, Bus- oder Straßenbahnhaltestelle, zur Ampel, zu einem Aufzug; und wer mich einmal mit Lisa in der Stadt trifft und ich sage "Such Zebra!", dann sind wir nicht auf Safari oder Droge, sondern dann soll sie mich zu einem Zebrastreifen führen.

 

All dies erleichtert den Alltag enorm. Wie ich immer sage: Als blinder Mensch hüpfe ich locker eine Treppe rauf oder runter. Ich muss nur wissen, wo die Treppe ist. Seitdem ich Lisa nun auch noch die Kommandos "Such Bäcker!" und "Such Döner!" beigebracht habe, ist die Treppe als Alternative zum Aufzug noch deutlich wichtiger geworden.

 

Weitere Beispiele aus dem Alltag

Gerade wenn man mit Stock unterwegs ist, ist man noch stärker als mit Hund auf das Gehör angewiesen. Wenn in einer engen Gasse nun aber ein Fahrzeug mit laufendem Motor steht, wird es schwierig. In einem solchen Fall gebe ich Lisa das Kommando "Such Weg!" und wenn es einen sicheren Weg an dem Fahrzeug vorbei gibt, dann führt sie mich daran vorbei.

Auch bestimmte Witterungsverhältnisse wie starker Regen können das Überqueren einer Straße deutlich erschweren, da ich möglicherweise ein heranfahrendes Auto erst zu spät höre. In diesen Fällen habe ich die Sicherheit, dass Lisa bei drohender Gefahr mein Kommando, beispielsweise die Straße zu überqueren, verweigern würde.

 

Entgegen häufiger Annahmen kann ein Hund, auch ein ausgebildeter Blindenführhund jedoch weder rot noch grün an der Ampel unterscheiden. Den Verkehr deuten oder auf das Tonsignal der Ampel hören, und dann das entsprechende Kommando zu geben, ist mein Job. Natürlich zählt es auch zu meinem Job, für einen entsprechenden Ausgleich, sprich Freizeit zu sorgen.

Abschließend eine Bitte!

Sicher soll der Blindenführhund, während er im Führgeschirr ist, andere Hunde ignorieren und sich auch sonst nicht ablenken lassen. Doch so ein Hund ist auch nur ein Mensch, und wenn Hundebesitzer meinen, ihr Hund soll mal eben "Hallo" sagen, dann muss ich ihn bzw. sie leider enttäuschen. Lisa kann wirklich viel, aber in all den Jahren, die ich nun mit ihr lebe hat sie noch nie "Hallo" gesagt. Sie kann es einfach nicht! Wirklich!

Lisa im Führgeschirr mit Kenndecke. Auf der Kenndecke steht: Nicht Ablenken, bin im Dienst!
Lisa bei der Arbeit, im Dienst!

Ebenso sollte man dem Blindenführhund seinen Job nicht unnötig erschweren bzw. Hund und Mensch am anderen Ende in Gefahr bringen, indem man den süßen Vierbeiner anspricht, streichelt oder Blickkontakt aufnimmt. Mich hingegen darf man gerne ansprechen, mich auf Gefahren aufmerksam machen oder mir Hilfe anbieten.

 

Über Fragen oder Ergänzungen zu den vierbeinigen Begleitern in den Kommentaren freue ich mich!

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Arbeit und Inklusion!

September ist Veranstaltungszeit, genauer: meine Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" findet statt und entsprechend gibt es viel zu tun. Die Papierstapel auf meinem Schreibtisch wachsen an und die Schatten unter meinen Augen sind nicht das Ergebnis eines misslungenen Schminkversuchs.

Okay, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben und zum Teil auch geflunkert. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Ich kann doch nicht so plump einsteigen und mit der Brechstange meine Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" bewerben. Aber das möchte ich natürlich - zum Teil. Ich möchte in diesem Beitrag erzählen was ich mit der Veranstaltung beabsichtige und weshalb sie aus meiner Sicht so wichtig ist, und bei dieser Gelegenheit möchte ich auch kurz darauf eingehen, wie ich all diese anfallende Arbeit bewältigen kann. Besser gesagt, wie gelingt es mir Dank Technik und Arbeitsplatzassistenz mein fehlendes Augenlicht auszugleichen.

 

"Arbeit und Inklusion" - Wieso, weshalb, warum?

Kurz zum Hintergrund: seit dem Start meiner Selbstständigkeit organisiere ich jährlich in Halle (Saale) die Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" - in diesem Jahr bereits zum vierten Mal; immer im September und immer mit wechselnden Kooperationspartnern. Der Termin soll fester Bestandteil für möglichst viele Menschen in und um Halle werden, und damit dies gelingt, der fixe Zeitraum Mitte September. Viele Menschen erhoffe ich mir wiederum über die wechselnden Kooperationspartner zu erreichen. Doch warum ist es so wichtig möglichst viele Menschen mit diesem Thema zu erreichen.

Nein, kein Egotrip. Ups, schon wieder ein bisschen geflunkert. Ein ganz kleines bisschen. Natürlich schadet mir als Selbstständige die Öffentlichkeit nicht. Aber ich verkaufe kein austauschbares Produkt, sondern eine Herzensangelegenheit. Ich bin fest davon überzeugt, dass Inklusion kein Geschenk für Menschen mit Beeinträchtigungen ist, sondern ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft! Also muss sie auch davon erfahren.

Ziel der Veranstaltung "Arbeit und Inklusion" ist es, gemeinsam mit Arbeitgebern, Menschen mit Beeinträchtigungen, Kostenträgern und politischen Entscheidungsträgern Wege für einen inklusiven Arbeitsmarkt aufzuzeigen. Dies erfolgt in Form von Diskussionsrunden und der Gelegenheit sich an Infoständen zu informieren. Mein diesjähriger Kooperationspartner, das Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte (BFW) in Halle (Saale) bietet darüber hinaus die Gelegenheit eine Führung in der Sensorischen Welt anzubieten und Einblicke in das breite Spektrum elektronischer Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte zu geben.

Kurzum: die Veranstaltung bietet viel Raum sich zu informieren, auszutauschen und unter Umständen mehr Klarheit über die Potentiale von Menschen mit Beeinträchtigungen zu bekommen. Denn sind wir mal ehrlich, wer weiß denn so wirklich wie ein blinder Mensch am Computer arbeitet? Oder kann er überhaupt arbeiten, am Computer? So manche Verkäuferin traut mir ja im Klamottenladen noch nicht einmal zu, dass ich alleine in der Umkleidekabine zurechtkomme, wie soll ich dann eine Chance bekommen die Buchhaltung für eine Filiale zu übernehmen? Hier herrscht häufig sehr viel Unwissenheit, und auf Grund der teilweise nach wie vor starken Separation in der Schule und anderen gesellschaftlichen Prozessen auch nicht verwunderlich. Genau deshalb ist es aber ebenso wichtig darüber zu informieren. Nicht nur weil Menschen mit Beeinträchtigungen endlich gleiche Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen sollen. Auch Arbeitgeber lassen viel Potential am Wegesrand liegen.

 

Technik, die begeistert.

Wie funktioniert es jetzt also so ganz ohne Augenlicht am Computer?

Meine Finger ertasten den Text auf der Braillezeile.Ein Geheimnis lautet: Keine Papierstapel, sondern papierloses Büro. Funktioniert natürlich nicht so ganz, denn auch ich bekomme Rechnungen, Werbung und Post von der Krankenkasse, Rentenversicherung usw. Für mich einfach nur Papier. Daher wird alles eingescannt. Wenn es erst einmal auf der Festplatte ist wird aus Papier plötzlich eine Rechnung, ein Informationsschreiben oder bekommt sonst einen Informationsgehalt, dank eines so genannten Screenreaders. Technikbegeisterte mögen es mir verzeihen, ich bin dusseliger Anwender, aber das funktioniert - wie auch immer - so: Text wird von diesem Screenreader, einer Software erkannt und in Sprache oder in Brailleschrift (Blinden- bzw. Punktschrift) umgewandelt. Das heißt ich kann mir den Text vorlesen lassen oder selbst mit den Fingern auf der Braillezeile lesen. So kann ich auch im Internet recherchieren, E-Mails lesen oder schreiben, denn nicht nur der eingescannte oder bereits digital vorliegende Text wird mir durch den Screenreader zugänglich gemacht, auch das von mir selbst Geschriebene kann ich so korrigieren. Die Finger tippen, geübt im Zehn-Finger-Schreiben Buchstabe für Buchstabe, Satzzeichen für Satzzeichen und Zahl für Zahl. Jeder Tastenanschlag wird mir in Sprache ausgegeben und am Ende oder auch zwischendurch kann ich mir alles vorlesen lassen oder wahlweise auf der Braillezeile lesen und gegebenenfalls korrigieren. So ist übrigens auch dieser Text entstanden.

Aufgeklappter Laptop, externe Tastatur und Braillezeile
Meine Finger ertasten den Text auf der Braillezeile.

 

Benötige ich doch einmal Notizen auf Papier, da ich beispielsweise Stichworte für einen Vortrag brauche, habe ich auch die Gelegenheit mir diese über einem Punktschriftdrucker ausdrucken zu lassen.

Punktschriftdrucker

 

Arbeitsassistenz - sie sieht, was ich nicht sehe.

Trotz all der tollen Technik, gibt es dennoch Dinge, die nur mühselig, zeitaufwendig oder gar nicht möglich sind. Hier kommt jetzt meine Arbeitsassistenz ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es in erster Linie zu sehen und mir das Gesehene zugänglich zu machen. Sobald beispielsweise Graphiken oder Bilder auftauchen wird es schwierig. Diese beschreibt mir dann meine Arbeitsassistenz. Oder bei Netzwerkveranstaltungen bzw. ganz allgemein an mir unbekannten Umgebungen ist es mir nur durch die Arbeitsassistenz möglich selbstbestimmt agieren zu können. Sie hilft mir dabei gezielt auf Personen zuzugehen oder überhaupt erst einmal den Weg zum Veranstaltungsort zu finden ... und wenn sie wieder einmal mit zwei Tellern am Buffet steht, dann bringt sie mir auch meist was mit. Habt Vertrauen! Hab ich auch.

 

Ich habe schon jetzt den mir selbst vorgegebenen Umfang eines Beitrags in diesem Blog gesprengt und dennoch gäbe es zu dem Thema noch so viel zu sagen. So habe ich noch überhaupt nicht angesprochen, dass es viele Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt. Beispielsweise werden die Kosten der technischen Arbeitsplatzausstattung oder der Arbeitsassistenz vom Integrationsamt oder anderen Kostenträgern übernommen.

Sicher werde ich das ein oder andere in einem anderen Beitrag wieder aufgreifen und ausführen. Fürs Erste hoffe ich jedoch schon einmal einen kleinen Einblick gegeben zu haben. Gerne gehe ich aber auch auf Deine Fragen in den Kommentaren ein. Auch über Kritik, ob negativ oder positiv, zur Beitragslänge etc., bin ich sehr dankbar.

 

Mehr Meer oder Ostseh

 

Die Sonne brennt seit Wochen vom Himmel und selbst nachts kühlt es kaum mehr ab. Da kommt man schon mal auf solch einen geistreichen Titel. Aber tatsächlich geht es in diesem Beitrag um die Ostsee, genauer um meinen ersten Kurztrip alleine mit meinem Blindenführhund Lisa.

Mein Urlaub ist für September bereits gebucht, daher war dieser Kurztrip übers Wochenende nicht geplant. Bis September ist es aber noch so lange hin. Ich sehne mich nach einer kleinen Auszeit, Sonne und Salz auf der Haut und am Montag habe ich frei. Also los geht's!

Zugegeben, ganz so lässig bin ich diesen spontanen Kurztrip nicht angegangen, denn auch wenn dies nun wirklich nicht meine erste Reise war, so war es dennoch eine Premiere. Bisher hatte ich mich immer spätestens am Urlaubsort mit Familie, Freunden oder einer Reisegruppe getroffen. Aber ich hatte diesen Plan alleine an die Ostsee zu fahren vorsorglich schon so vielen Leuten erzählt, dass ich kaum mehr zurück konnte. Letzte Rettung: im Hotel ist kein Zimmer mehr frei, schließlich ist Hauptsaison.

Montagabend, ich höre das Freizeichen und rechne nicht wirklich damit, dass noch ein Hotelmitarbeiter abnimmt. Das ging schon mal schief. Das Zimmer von Freitag bis Montag ist nun also reserviert.

Meine Bedenken?

Was soll schon passieren, der Zug weiß wohin er muss. Ich muss mich nur reinsetzen und ich habe eine Umsteigehilfe beantragt. Na gut, für Büchen gab es keine Umsteigehilfe, aber in gut 20 Minuten sollte ich mich ja wohl durchfragen können. Dass der Zugbegleiter mit einem blinden Fahrgast überfordert war, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Dank einer Verspätung von gut 30 Minuten hatte ich dann aber mehr als genügend Zeit.

Auch bezüglich des Hotels hatte ich keine großen Bedenken. Ich habe mich für ein AURA-Hotel entschieden. AURA-Hotels sind speziell auf die Bedürfnisse ihrer blinden und sehbehinderten Gäste eingerichtet. Die Zimmernummern sind taktil erfassbar, die Willkommens-Mappe auf dem Zimmer mit allen wichtigen Informationen liegt unter anderem in Brailleschrift aus, und am Buffet sind die Mitarbeiter des Hauses behilflich. Auch begleitete Ausflüge werden angeboten - diesbezüglich war es aber im Vorfeld sehr schwierig Informationen zu bekommen, und genau hier lagen meine größten Bedenken. Was, wenn ich nun zwei Tage im Hotel sitze. So schön das Hotel auch sein mag mit seinem Garten und den lauschigen Sitzplätzen, meine freien Tage möchte ich nicht im Hotel verbringen.

Aber gut, was hatte ich zu verlieren? Selbst wenn es so käme, wenn ich es nicht ausprobiere, weiß ich es nicht.

Und so war es dann wirklich: Großartig!

Dank meinem Blindenführhund Lisa, einer super Navigations-App und zahlreichen lustigen, netten und hilfsbereiten Begegnungen war dieser erste Kurztrip alleine ein voller Erfolg.

Schon beim Umsteigen in Büchen traf ich die ersten hilfsbereiten Mitreisenden, und das zog sich wie ein roter Faden durch die weiteren Tage. Auch am Hundestrand hatte ich das Gefühl, dass alle mit nach Lieschen schauten, und mit zwei netten Frauen ging's nach dem Badespaß noch in die Strandbar.

Den Weg zum Hundestrand, unweit vom Hotel, zeigte mir eine Hotelmitarbeiterin. Die einzige Herausforderung auf diesem Weg bestand darin, die Abzweigung von der Strandpromenade zum Hotel zu finden, ansonsten ging es ja auf der Promenade immer nur gerade aus. Für die richtige Abzweigung hatte ich Lieschen und um noch entspannter sein zu können, hatte ich mir am Vorabend der Reise noch eine Navigations-App geleistet. Diese App wurde gemeinsam mit blinden Menschen entwickelt und bisher hörte ich nur Gutes. Zurecht!

Bei einer kleinen Pause ließen wir uns auf der Seebrücke den Wind um die Nase wehen und meine neue App sagte mir, welche Cafes, Restaurants, Hotels, Sehenswürdigkeiten etc. sich in meiner Nähren Umgebung befinden. Ich suchte mir ein Café aus, das laut seiner Homepage bereits Udo Lindenberg und Franz Beckenbauer zu Gast hatte. Da durften Lieschen und ich ja wohl nicht fehlen. Also Navi neu eingestellt und los ging's.

Ab ging's auch nach Travemünde. Ich hatte am Samstagvormittag noch die Gelegenheit an einem begleiteten Ausflug des Hotels zur Travemünder Woche teilzunehmen. So konnte ich in zwei Tagen Ostsee diesen Ausflug, etwa 13 km auf der Strandpromenade, drei Mal Hundestrand, ein Café-Besuch und absolute Entspannung genießen.

Auf der Nordmole in Travemünde mit Segelbooten im Hintergrund
Nordmole in Travemünde 2018

Dies war garantiert nicht meine letzte Reise alleine mit Hund. Hast Du ähnliche Erfahrungen oder Tipps für Reiseziele, die sich für einen Kurztrip eignen, dann freue ich mich über einen Kommentar!