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Ich sehe was, was Du nicht siehst

Bevor Du Dir jetzt verwundert die Augen reibst, nein natürlich sehe ich nix: nulla lux, wie es ein Mediziner ausdrücken würde, oder auch einfach nüscht. Dennoch habe ich ein paar Geschichten und Gedanken hierzu aufgeschrieben; und natürlich darf bei diesem Titel das berühmte Zitat vom kleinen Prinzen nicht fehlen. Doch der Reihe nach, erst müssen wir den Frosch küssen, bevor wir an den Prinzen kommen.

Über den Sinn und Unsinn des Sehens

Keine Frage, unsere Umwelt ist stark darauf ausgerichtet, dass unser Sehsinn funktioniert. Tut er dies nicht, haben wir einen klaren Nachteil. Dies beginnt beispielsweise schon morgens. Ich freue mich auf einen Kaffee aus meiner neuen Kaffeemaschine. Ich habe schon den Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen in der Nase. Herrlich! Aber langsam, so schnell geht das nicht. Natürlich ist die Bedienungsanleitung nicht in Blindenschrift. Heutzutage aber alles kein Problem. Da gibt es doch das Internet. Ein, zwei Klicks und ich habe die Bedienungsanleitung gefunden. Doch dann liest mir die Sprachausgabe meines Computers vor: Bitte drücken Sie Knopf A, und welcher Knopf A ist, geht aus Abbildung 3 hervor. Bei Abbildungen steigt dann aber auch meine Sprachausgabe aus. Mist, heute Morgen also kein Kaffee. So gibt es zahlreiche Beispiele, wo man immer wieder an seine Grenzen stößt. Dennoch stelle ich mal die steile These auf, dass das Sehen hin und wieder auch überschätzt wird.

Hat mir ein netter Nachbar oder Freund die Funktion der einzelnen Knöpfchen meiner Kaffeemaschine erst einmal erklärt, bediene ich diese wie jeder andere auch. Oder wer schaut vor der ersten Tasse Kaffee am frühen Morgen tatsächlich ganz genau hin? Ebenso schauen wir beim Kochen vermutlich nicht immer so genau hin, was das Messer in unseren Händen da gerade tut. Trotzdem schneidet es die Salatgurke in Scheiben und nicht unsere Finger, und das obwohl wir vielleicht gerade ins Kochbuch, aufs Smartphone oder verträumt aus dem Fenster sehen … oder einfach auch gar nicht sehen können.

So, auch wenn das jetzt vielleicht ganz einfach klingt … die wenigsten Menschen haben das Talent dafür, blind das Messer zu schwingen. Die meisten von uns absolvieren nach Erblindung verschiedene Kurse, die dann die schönen Namen LPF oder Mobi tragen.

Hinter der Abkürzung LPF verbirgt sich das Training lebenspraktischer Fertigkeiten. Hier lernt man verschiedene Hilfsmittel und Techniken kennen, die einem den Alltag erleichtern. Also, wie gehe ich mit dem Messer um, wie unterscheide ich Kleidung, wie esse ich ein Stück Torte und so weiter und so fort. Gerne erinnere ich mich noch an mein eigenes LPF-Training. Eine Freundin meiner Trainerin bekam gerade ein Baby und da bot sich das Thema Babypflege an. Der Phantasie sind also keine Grenzen gesetzt. Je nach Bedarf kann hier alles erprobt, erlernt und vor allem auch trainiert werden, was im Leben wichtig sein kann. Wichtig ist dabei tatsächlich das Training, vor allem wenn es um Essenstechniken geht. Es kann durchaus etwas länger dauern bis man einen Eisbecher oder ein Stück Torte kleckerfrei essen kann - unter Umständen wirklich seeeehr lange. Lecker!
Gleiches gilt für Mobi, das Orientierungs- und Mobilitätstraining. Hier trainiert man, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen.

Zugegeben, es gibt Menschen die mögen Eis und Torte mehr, andere weniger; also ich meine natürlich es gibt geübtere und ungeübtere, ängstlichere und weniger ängstlichere Menschen. So ist es bei Sehenden wie auch bei Blinden. Wir alle haben jedoch gemein, dass wir selbst genau wissen was wir mögen und die meisten von uns mögen vermutlich gerne möglichst unabhängig sein. Aber wie geschrieben, all das lässt sich trainieren. Und so lange wir keine barrierefreie Umwelt haben, wir also auch immer mal wieder auf Hilfe zurückgreifen müssen, an dieser Stelle noch eine Bitte: nicht über den Kopf des blinden Menschen hinweg entscheiden. Hin und wieder kommt es nämlich tatsächlich vor, dass sehende Menschen glauben - jedenfalls ist das mein Gefühl -, dass sie alleine aufgrund der Tatsache, dass sie sehen können, meinen zu wissen was ich will, kann oder eben auch nicht. In der Regel ist das aber weniger unser Problem, dass wir nicht wissen was wir wollen, sondern die Umsetzung aufgrund einer nicht barrierefreien Umwelt.

Man sieht nur mit dem Herzen gut ...

So, wer bis hier durchgehalten hat, jetzt kommt er, der Prinz beziehungsweise das Zitat "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das wesentliche ist für die Augen unsichtbar.". Gut, auf mein Problem mit der Kaffeemaschine ist dies vielleicht weniger anwendbar, aber auf den Nachbarn, Freund und den Prinzen.

Hier greife ich mal auf eine Aussage zurück, die - so glaube ich - weit verbreitet ist: blinde Menschen lassen sich nicht so stark von Oberflächlichkeiten ablenken. Zugegeben, nach meiner eigenen Erblindung fühlte ich mich zunächst ziemlich gut. Ich dachte ich zählte jetzt, genau deshalb, zu den besseren Menschen. Denn: Ich sehe was, was Du nicht siehst.

Nach über 20 Jahren Leben mit Blindheit muss ich jedoch zugeben, dass ich diesbezüglich ebenso unzulänglich bin wie wahrscheinlich die meisten. Ich urteile ebenso auf Grund von Oberflächlichkeiten. Klar, bei mir sind es keine Äußerlichkeiten, die ungewaschenen, strähnigen Haare sind mir egal, so lange man sie nicht riecht. Pickel im Gesicht und ähnliches lenken mich zunächst nicht ab. Bei mir sind es aber eben der Geruch oder die Stimme. Mag ich die Stimme, mag ich die Ausdrucksweise meines Gegenübers, dann hat er oder sie auch eher eine Chance, dass ich uns die Zeit gebe, um auch die inneren Werte kennen zu lernen.

Ich glaube aber, wir haben alle schon einmal die Erfahrung gemacht, dass wir positiv überrascht wurden, nachdem wir uns nicht von Oberflächlichkeiten haben ablenken lassen. Ganz schön schwierig, finde ich jedenfalls. Aber es kann sich lohnen, und dabei ist es egal, ob wir blind sind oder nicht.
Also, hör auf dein Herz und genieß den Wonnemonat Mai!

Über deine Kritik, Anregungen und Fragen in den Kommentaren freue ich mich.

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